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Arbeit und der Sinn des Lebens

Neue Studie deutet Richtungswechsel an

Freizeit oder Arbeit (Symbolbild). ©Freepik Freizeit oder Arbeit (Symbolbild). ©Freepik
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Wissenschaft und Politik

Der Stellenwert von Arbeit verändert sich spürbar: Sinn bleibt wichtig, konkurriert aber stärker mit privater Selbstverwirklichung, Freizeit und Einkommen. Eine aktuelle Studie zeigt, wie besonders jüngere Generationen Arbeit neu gewichten – und was das für die Wirtschaft bedeutet.

 

(ps) Der Beruf hat in Deutschland schon allein sprachlich gesehen einen hohen Stellenwert: der Beruf, da steckt schon im Wort noch deutlich sichtbar die „Berufung“ drin, und vom mittelalterlichen Wortursprung her auch der „Ruf“ im Sinne von Ansehen und Ruhm. Über Jahrhunderte gehörten Berufsbezeichnungen zur gängigen Anrede und Adressierung – man war, was man tat. Doch erst mit dem Aufkommen der freien Berufswahl wurde nachdrücklich auch die Sinnfrage gestellt. Es ging dann nicht mehr nur darum, einen Beruf zu haben, um zu (über-)leben oder „jemand zu sein“, sondern auch darum, einen Beruf zu haben, um sich selbst zu verwirklichen, um etwas sinnvolles zu tun.


Auch und insbesondere der Generation Z wurde dieses Bedürfnis in verschiedenen Studien attestiert – in einer Studie von 2023 wurde es so auf den Punkt gebracht: „Für die Generation Z ist die Hervorhebung eines Sinns in der Arbeit zentral, viele würden lieber für eine Firma arbeiten, die ihnen einen Sinn gibt, als für eine, die mehr zahlt.“ Doch eine aktuelle Studie der gemeinnützigen „Stiftung für Zukunftsfragen“ legt nahe, dass dies gar nicht unbedingt so ist – und dass sich der Wunsch nach einer sinnvollen Arbeit tatsächlich schon seit diversen Jahren, schon vor der Generation Z, in stetem Rückgang befindet.


Mehr Spaß, weniger Sinn?


In der jüngsten Studienausgabe stimmten nur noch 33 Prozent der Befragten der Aussage zu, in der Arbeit etwas tun und leisten zu wollen, „was Sinn hat und Spass macht“. 2016 lag dieser Wert noch bei 39 Prozent, 2006 sogar bei 52 Prozent. Für die Stiftung ist das ein klarer Hinweis auf einen Bedeutungsverlust von „Arbeit als sinnstiftende[r] Lebensaufgabe“. Mehr noch: Es handele sich nicht um eine kurzfristige Schwankung, sondern um eine „strukturelle Verschiebung“.

Besonders deutlich wird dieser Wandel im Altersvergleich. Auf die Frage, welcher Aussage sie eher zustimmen – „Ich möchte mein Leben geniessen und mich nicht mehr abmühen als nötig“ oder „Ich möchte in der Arbeit etwas tun und leisten, was Sinn hat und Spass macht“ – zeigen sich markante Unterschiede. Unter den 18- bis 24-Jährigen findet die Haltung „Leben geniessen“ mit 32 Prozent die größte Zustimmung, bei den über 50-Jährigen sind es 16 Prozent, bei den über 65-Jährigen nur noch 14 Prozent. Umgekehrt verhält es sich bei der „Arbeit mit Sinn“-Option: Sie erreicht bei den über 65-Jährigen mit 40 Prozent den höchsten Wert, bei den 18- bis 24-Jährigen mit 31 Prozent den niedrigsten.


Die Sinnfrage verlagert sich


„Die Sinnfrage bleibt bestehen – sie verlagert sich jedoch“, sagt der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Professor Dr. Ulrich Reinhardt. Tatsächlich zeige die Studie, dass in allen Altersgruppen jene Gruppe am größten ist, der sowohl Genuss als auch Sinn gleich wichtig sind. Reinhardt ordnet dies als grundlegenden gesellschaftlichen Wandel ein: „Diese Entwicklung dokumentiert einen klaren Trend: Monolithische Lebensentwürfe weichen zunehmend einem Bedürfnis nach Flexibilität und Vielfalt – sie wollen Sinn UND Genuss, Karriere UND Freizeit, Verantwortung UND Selbstverwirklichung kombinieren.“


So habe sich laut Stiftungsmitteilung auch insgesamt der Lebensfokus von der Erwerbsarbeit entfernt (2006: 58%; 2016: 31%) und gleichzeitig der Fokus auf Selbstverwirklichung annähernd verdreifacht (2006: 11%; 2026: 32%). Da wundert es dann auch nicht, wenn in einer wachsenden Zahl der Umfragen neben Work-Life-Balance das Stichwort „Geld“ immer wichtiger wird. Selbstverwirklichung und Sinnsuche in der Freizeit kann sich eben nur leisten, wer ausreichend Geld verdient.


Work-Life-Balance vs. Leistungsbereitschaft?


Dieser Tage wird auf bundespolitischer Ebene allerlei über die Leistungsbereitschaft in Deutschland diskutiert: Work-Life-Balance, Vier-Tage-Woche, Renteneintrittsalter, alles steht auf einem kritischen Prüfstand – möglicherweise liest sich die Konklusion der Stiftung auch deshalb wie eine Antwort auf den aktuellen politischen Diskurs: „Politik, Wirtschaft und Bildungseinrichtungen“ sollten auf den Wandel „nicht mit traditionellen Appellen an Leistungsbereitschaft antworten (längere Arbeitszeiten, späterer Renteneintritt, intensivierte Erwerbstätigkeit etc.). Stattdessen müssen sie die Bedürfnisse dieser Generationen neu verstehen: Flexibilität, Sinnerfüllung und Gestaltungsfreiheit sind keine Gegenpole zu Verantwortung, sondern ihre Voraussetzungen“, so die Stiftung.


Erforderlich seien vielmehr Anreize für persönliche Entwicklung auch am Arbeitsplatz, wie etwa Weiterbildungsangebote, eine auf Anerkennung basierende Unternehmenskultur, und Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen als Produktivitätsfaktor. Dies seien eben keine Absagen an die Leistungsbereitschaft, „sondern eine Neuinterpretation davon.“


Tatsächlich führt daran, den politischen Reden zum Trotz, kaum ein Weg vorbei: die demographische Lage ist wie sie ist, und auch Migration kann hier das Ruder nicht rumreißen. In manchen Berufsgruppen, etwa unter jungen Ärzt*innen, geht der Weg sogar vermehrt ins Ausland, weil die Arbeitsbedingungen dort besser seien. Unternehmen, die auch künftig qualifizierte Fachkräfte gewinnen und halten wollen, werden sich daher anpassen müssen. Der Sinn der Arbeit mag sich verändern – ihre Attraktivität entscheidet sich jedoch mehr denn je an den Bedingungen, unter denen sie stattfindet.

 

 

Quellen:

 

Stiftung für Zukunftsfragen: “Sinn durch Arbeit oder Freude am Leben? Ein gesellschaftlicher Richtungswechsel”, Forschung aktuell, 314; 19.01.2026; online: https://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/sinn-durch-arbeit-oder-freude-am-leben-ein-gesellschaftlicher-richtungswechsel/


Sowie:

SwissSkills: Studie «Erwartungen der Gen Z an die Arbeitswelt», 22.08.2023; online: https://swiss-skills.ch/documents/Downloads/diverses/SwissSkills_Report_Gen_Z_2023_DE.pdf 

Praktisch Arzt: “Fachkräftemangel: Es fehlt an jungen Ärztinnen und Ärzten”, Isabelle Konnegen, 13.02.2025; online: https://www.praktischarzt.de/magazin/fachkraeftemangel-junge-aerzte/ 

WAZ: “Merz mahnt: Mit Work-Life-Balance schaffen wir Umbruch nicht”, o.A. (dpa), 18.01.2026; online: https://www.waz.de/politik/article410964658/merz-mahnt-mit-work-life-balance-schaffen-wir-umbruch-nicht.html 

 

 

26.01.2026