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Im Winter Uni, im Sommer Meer – die perfekte Kombi!

Jessica Högermeyer im Interview über ihr Naturschutzstudium

©Jessica Högermeyer Collage: Porträt Jessica Högermyer, zwei Tauchende bei Ihrer Arbeit am Meeresboden für Dokumentation und Forschung.
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Interviews

Um sich das Studium zu finanzieren, kann man kellnern gehen – oder mehrere Monate im Jahr an der kroatischen Adria schnorcheln und Jugendlichen das Geheimnis der Seegurken verraten. Letzteres bringt wahrscheinlich mehr Spaß und auf jeden Fall viel Praxiserfahrung.

 

(kk) Jessica Högermeyer (26) hat sich Zeit gelassen für ihre Entscheidungen. Als sie nach ihrem Biologie-Bachelor nicht wusste, wie der nächste Schritt aussehen soll, hat sie erst einmal eine Pause eingelegt: Urlaub auf Korsika, Tauchschein in Kiel, drei Monate Praktikum in Kroatien, sechs Monate auf Spiekeroog, wieder Kroatien als Kursleiterin. Eineinhalb Jahre später war ihr klar: Ich mache meinen Master in Naturschutz und Biodiversitätsmanagement in Wien. Seit Herbst 2024 studiert sie in der Großstadt – aber nur im Winter. Die restliche Zeit des Jahres chillt, äh, arbeitet sie auf der Insel Krk und „lernt dort mindestens genauso wichtige Dinge wie an der Uni“.

 

IfT: Jessica, du bist eine norddeutsche Deern – wie bist du zu einem Masterstudium in Österreich gekommen? 

 

Jessica Högermeyer: Ich habe nach einem Naturschutz-Masterstudiengang gesucht, der auch meeresbiologische Inhalte hat. Außerdem kannte ich Wien schon durch Freunde aus Kroatien. Und ich wollte endlich mal in einer Großstadt leben – mir gefällt es hier.

 

IfT: Du arbeitest mehrere Monate im Jahr – aus finanziellen Gründen oder wegen der praktischen Erfahrung?

 

Jessica: Es ist eine Mischung aus beidem. Ich arbeite im Frühling und Frühherbst für eine gemeinnützige Organisation auf der kroatischen Insel Krk, die sich für Meeresschutz, Meeresforschung und Meeresumweltbildung einsetzt. Dort bin ich Kursleiterin für meeresbiologische Schulprojektwochen. Wenn ich den Jugendlichen beim Mikroskopieren und mit Schnorchelgängen und Workshops das Meer und seine (gefährdeten) Bewohner näherbringe, lerne ich mindestens genauso viele Dinge wie an der Uni. Mir macht das unglaublich viel Spaß. Und ich finde es megagut, dass ich mein theoretisches Wissen in der Praxis nutzen kann. 

 

IfT: Und nur wenige Monate im Jahr studieren funktioniert?

 

Jessica: Ja! (lacht) Ich habe das Glück, dass ich meine Arbeit zum Teil als Ersatz für bestimmte Module anrechnen lassen kann; ich muss also nicht alle Seminare im Masterprogramm belegen. Den Rest muss ich natürlich absolvieren. Das geht super an der Uni Wien, weil es mindestens drei Prüfungszeiträume gibt. Wenn ich die Klausur also z. B. nicht im Januar schreiben kann, gibt es Möglichkeiten im März, Juni oder August. Außerdem kann ich kurze Blockmodule und Exkursionen belegen – wie Anfang des Jahres in Japan, wo wir uns den Lebensraum und die angrenzenden Ökosysteme von Korallenriffen angeschaut haben. Wir haben Proben gesammelt und sehr viele Tierarten bestimmt. Im Wintersemester kann ich dann auch die regulären wöchentlich stattfindenden Kurse und Tagesexkursionen belegen. Eine komplizierte Jahresplanung – aber sie funktioniert!

 

IfT: Wusstest du schon in der Schule, was du später mal arbeiten bzw. studieren möchtest? 

 

Jessica: Nicht wirklich. Aber Bio war mein Lieblingsfach. Ich habe lange gedacht, dass ich auch Medizin studieren würde wie mein Vater. Aber dann habe ich gecheckt, dass ich das doch nicht will, weil ein Medizinstudium sehr anstrengend ist, ich den NC nicht geschafft hätte und eigentlich auch nicht als Ärztin arbeiten will. Also habe ich mich 2018 für Biologie an der Christian-Albrechts-Uni Kiel entschieden. Eigentlich wollte ich noch Sport auf Lehramt dazunehmen, aber es ist beim Ein-Fach-Bachelor geblieben. Kiel war der perfekte Ort für mich: viel Wasser und Natur. 

Durch meinen Nebenjob als Guide im Zoologischen Museum habe ich dann meine Begeisterung für Meeresbiologie entdeckt – und dort auch meine Bachelorarbeit geschrieben. Aber ich habe gemerkt, dass Forschung nicht wirklich mein Ding ist. Du brauchst Ellenbogen in der Wissenschaft, musst Anträge schreiben, ein krasser Experte sein. Ich hatte großen Respekt davor und das Gefühl, eher mit Menschen zusammenarbeiten zu wollen. Also habe ich mich in Praktika ausprobiert und mache nun beim MareMundi Institut in Kroatien das, was mir wirklich gefällt und liegt. Ich wollte zwar nie Lehrerin werden, aber ein bisschen bin ich es doch – jeweils immer nur für eine Woche und an einem ziemlich coolen Ort.

 

Mein idealer Job ist irgendwo draußen am Meer, wo ich Gutes tun kann und Gleichgesinnte um mich herumhabe.“

 

IfT: Wohin geht die Reise nach deinem Masterstudium? Wo und was würdest du gern arbeiten? 

 

Jessica: Ich habe natürlich Ideen, aber keinen konkreten Plan. im April 2028 will ich spätestens mit meinem Masterstudium durch sein. Und dann kann ich mir vorstellen, zunächst weiter bei MareMundi zu arbeiten. Ich hätte auch große Lust, wieder beim Nationalpark Wattenmeer auf Spiekeroog zu arbeiten. Selbst wenn es diese beiden Jobs nicht werden, wird man mich auf jeden Fall irgendwo draußen am Meer finden, wo ich Gutes tun kann und Gleichgesinnte um mich herumhabe. Der Ort ist fast egal, solange es wechselnde Jahreszeiten gibt – ich bin ein gemäßigter Klimazonenmensch. 

Ich möchte Menschen in die Natur bringen und ihnen zeigen, wie wichtig sie für unser Wohlbefinden ist. Ich selbst fühle mich so entspannt und voll, wenn ich schnorcheln oder tauchen oder einfach nur im Wald spazieren war. Und bin jedes Mal wieder beeindruckt von den vielen schönen Wundern, die ich im Wasser sehe. Mir ist es ein Bedürfnis, Erkenntnisse aus der Forschung weiterzugeben, wie diese Welt zusammenhängt. Und ein Gefühl zu vermitteln, wie Lebensräume im Meer aufgebaut sind, wie wichtig bestimmte Tiere und Funktionen unserer Ökosysteme sind – und dass beispielsweise eine Seegurke tatsächlich ein lebendiges Tier ist und keine Wurst, die da unten am Meeresgrund liegt. Beim Praktikum in einem Tauchresort in Indonesien habe ich tatsächlich Scuba-Taucher getroffen, die gefühlt jeden Urlaub in die Tropen fahren und im Korallenriff tauchen, aber nicht wissen, dass Korallen Tiere sind und Seesterne zusammen mit Seeigeln und anderen Stachelhäutern einen eigenen Tierstamm bilden!

 

Durch das Tauchen hat sich mein Wunsch entwickelt, aufzuklären und behutsam mit unserer Welt und den Tieren umzugehen.“

 

IfT: Woher kommt deine Motivation, sich für den Natur- (und Tier-)schutz zu engagieren? 

 

Jessica: Ich bin auf dem Dorf groß geworden mit viel Natur und Tieren. Durch meine Praktika und das Tauchen haben sich mir dann immer mehr Interessensbereiche und Türen geöffnet. Ich hätte mir vorher nie vorstellen können, dass es mich so glücklich macht, unter Wasser zu sein – und dass sich daraus der Wunsch entwickeln würde, aufzuklären und behutsam mit unserer Welt und den Tieren umzugehen. Seit meiner Studienzeit lebe ich vegan, das war eine schrittweise Entwicklung.

 

Natürlich hinterfrage ich manchmal, ob es sich lohnt, was wir so machen. Aber meine Arbeit gibt mir Kraft.“

 

IfT: Und dein Engagement bleibt ungebrochen?

 

Jessica: Natürlich hinterfrage ich manchmal, ob es sich lohnt, was wir so machen, wenn ich sehe, wie Korallenriffe sterben und wie viel Plastikmüll im Meer schwimmt. Aber ich möchte mich diesem negativen Ohnmachtsgefühl nicht hingeben. Tatsächlich gibt mir meine Arbeit Kraft. Wirklich aktiv etwas zu tun, Leuten die Augen zu öffnen und zu begeistern oder wie letztens wieder auf Spiekeroog aktiven Naturschutz zu betreiben, indem ich dem Ranger helfe, Wanderwege wegen der Brutsaison abzusperren.

 

Ich würde eingehen, wenn ich bei der Arbeit keinen Spaß hätte!“

 

IfT: Wie sind die Rückmeldungen von Familie und Freunden zu deinem beruflichen Weg?

 

Jessica: Positiv. Ich glaube, meine Familie ist sehr stolz auf mich. Okay, natürlich gibt es Mitschülerinnen und Mitschüler von früher, die mich vielleicht ein wenig belächeln, weil sie einen ganz anderen Lebensstil haben. Sie sind im Ort wohnen geblieben, manche haben schon Häuser gebaut und Kinder bekommen. Das habe ich sicherlich erst mal nicht vor. Ich habe einen niedrigen Lebensstandard und auch nicht die Ambition, dass sich das ändert. Natürlich soll mir mein Job finanzielle Sicherheit geben, aber hauptsächlich soll er mir guttun. Ich würde eingehen, wenn ich bei der Arbeit keinen Spaß hätte.

 

Macht nach der Schule was Praktisches – ein FÖJ oder FSJ. Man wird selbstbewusster, offener und mutiger!“

 

IfT: Hast du Tipps für diejenigen, die bald mit der Schule fertig sind und studieren möchten?

 

Jessica: Ich würde nicht unbedingt gleich nach dem Abi studieren, so wie ich es gemacht habe. Sondern ich würde beispielsweise vorher ein FÖJ, ein FSJ oder ein BFD machen. Geht irgendwohin nach der Schule für ein Jahr und macht was Praktisches – weg von eurer Familie, weg aus der Stadt oder dem Dorf. Lernt andere Arbeitsweisen und Themenbereiche kennen. In der Schule erwirbt man breites theoretisches Wissen. Aber anschließend woanders zu helfen, Teil eines bestimmten Bereichs der Gesellschaft zu sein, ist wichtig – für das große Ganze und für einen selbst. Man wird selbstbewusster, sicherer, offener, mutiger! 

Ins Ausland würde ich erst während des Studiums gehen, zum Beispiel mit Erasmus Plus. Oder so wie ich nach dem Studium. Für mich war es nach dem Bachelor leicht, einen Praktikumsplatz in Kroatien zu finden, weil ich bereits Kenntnisse hatte. Und ich konnte die neuen Erfahrungen aufgrund meines Wissens für die nächsten beruflichen Entscheidungen nutzen.

 

Ich möchte den Menschen zeigen, wie schön die Natur ist und wie wichtig es ist, sie zu bewahren.“

 

IfT: Zum Abschluss sag uns bitte noch mal, was du mit deiner Arbeit in Naturschutz und Umweltbildung bewirken möchtest.

 

Jessica: Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Menschen so vernarrt sind in ihren Beruf und in ihre Karriere, in „immer mehr, lauter größer, schneller, weiter“. Dabei hat die Natur so viele schöne Sachen zu bieten – und das gratis. Wir müssen eigentlich nur öfter rausgehen, barfuß über die Wiese laufen, einfach mal im Meer baden gehen, vielleicht sogar mal abtauchen. Und dann sehen wir, dass wir gar nicht so viel brauchen, dass alles da ist. 

Ich möchte den Menschen diese Begegnung erleichtern und ihnen helfen zu verstehen, wen sie da draußen sehen. Vielleicht können wir dann alle wieder ein bisschen zu uns selbst zurückkommen und lieber zueinander und zu unserer Natur sein. Auch wenn manche Lebensräume bereits zerstört oder für ihre Bewohner sehr unangenehm geworden sind. Aber der Erde ist es eigentlich egal, was hier so passiert, ob es mal ein bisschen wärmer oder kälter wird. Sie findet immer wieder ein Gleichgewicht. Es ist nur die Frage, wie der Mensch Platz in diesem Gleichgewicht findet und wie er klarkommt mit den Veränderungen. Es stehen welche bevor und ich finde, wir müssen etwas machen. Es hilft nichts, sich auf das Negative zu konzentrieren. Sondern wir sollten lieber überlegen, was jeder Einzelne bewirken kann und was wir als Gesamtheit bewegen können, um die Schönheit der Natur so gut es geht zu bewahren.

 

IfT: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir weiterhin viele erfüllende Momente mit faszinierenden Meeresbewohnern und faszinierten Menschen.

 

 

Bilder: ©Jessica Högermeyer

Unten rechts im Bild: Wanderfaden-Schnecke (Cratena peregrina)

 

 

21.05.2026