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PISA-Studie: Schüler*innen schlecht wie nie

Falsche Prioritäten, falsche Strategien

Schülerin in einer Bücherei (Symbolbild) © Tonefoto grapher via Vecteezy Schülerin in einer Bücherei (Symbolbild) © Tonefoto grapher via Vecteezy
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Wissenschaft und Politik

Die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen ein historisches Leistungstief deutscher Schüler*innen bei zentralen Grundkompetenzen. Der Befund reiht sich ein in eine seit langem nach unten zeigende Leistungskurve der Schüler*innen.

 

Die PISA-Studien der OECD sind seit inzwischen über 25 Jahren die maßgebenden internationalen Leistungserhebungen der Schülerinnen und Schüler – und lösen in Deutschland mal mehr, mal weniger, aber dennoch regelmäßig Schrecken aus. Schon die Ergebnisse der ersten Studie aus dem Jahr 2000 wurde von den Medien als „Pisa-Schock“ bezeichnet und seit den 2010er Jahren befinden sich die Leistungen der Schüler*innen in Deutschland in einem steten Sinkflug.


Nun haben die Schüler*innen im Rahmen der aktuellen PISA-Studie die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Studienreihe eingefahren. In der Studie wurden die Kenntnisse 15jähriger Schüler*innen unter anderem in den Bereichen Naturwissenschaften, Lesekompetenz und Mathematik untersucht. In den Bereichen Mathematik und Lesekompetenz erreichen ein Drittel der Schüler*innen das „grundlegende Kompetenzniveau“ nicht, wie die Tagesschau berichtet. Das bedeutet, dass jeder Dritte als leistungsschwach eingeordnet werden muss.


Bei den Naturwissenschaften ist die Lage nicht viel besser, hier können ein Viertel der Schüler*innen die grundlegende Anforderungen nicht erreichen. Die Leistungen in diesen drei Kernbereichen haben damit einen Tiefststand erreicht. Insbesondere der Einbruch bei der Lesekompetenz bereitet den Studienautor*innen Sorgen. Lesen ist eine zentrale Schlüsselkompetenz, die erfolgreiche Bildungskarrieren, egal in welchem Bereich, überhaupt erst ermöglichen. Wer am Lesen scheitert, ist bereits abgehängt.


Lesekompetenz besonders problematisch


Zu den akuten Ursachen zählen die Studienautor*innen insbesondere die sozialen Medien: hier wird gewissermaßen trainiert, nur kurze Informationen rasch zu überfliegen, konzentriertes Lesen ist nicht gefragt und wird entsprechend nicht geübt. Insbesondere in Zeiten von KI sei jedoch genaues, kritisches Lesen eine wichtige Kompetenz.


Doch während die Ursachen nicht zu Unrecht bei gesellschaftlichen Großtrends wie Social Media gesucht werden, stellt sich die Frage, ob nicht ein anderes, tiefsitzendes Muster wohlmöglich noch viel problematischer ist: Symptombekämpfung statt Ursachenforschung.


Das ist kein neues Phänomen. Wirft man einen Blick zurück auf die letzten Jahrzehnte, fänden sich viele Beispiele. Bereits in den 1990er Jahren zeigte sich diese Logik bei der Debatte um die Rechtschreibreform. Schon damals wurde der Reformbedarf unter anderem damit begründet, dass Schüler*innen zu viele Fehler machten. Statt die tatsächlichen Probleme im Bildungssystem anzugehen – etwa mehr Deutschlehrkräfte einzustellen, die Klassengrößen zu reduzieren und den Unterricht gezielt zu optimieren –, passte man lieber die Regeln an die sinkenden Leistungen an. Ein bequemer Ausweg, der an der schulischen Realität schlicht vorbeiging.


Ein aktuelleres Beispiel wäre die Digitalisierung. Geld fließt vorrangig in Hardware wie Tablets oder Smartboards, um die Versäumnisse bei der Digitalisierung abzuarbeiten. Dies löst jedoch weder das Problem fehlenden IT-Supports, noch die bislang noch lückenhafte Schulung für Lehrkräfte – und insbesondere problematisch bleibt das Fehlen didaktischer Konzepte, wie und bei welchen Themen digitale Hard- und Software überhaupt sinnvoll eingesetzt werden können oder sollten.


Zu allem Überfluss hat Deutschland den Anschluss bei der schulischen Digitalisierung so gründlich verpasst, dass Vorreiterländer wie Schweden bereits wieder umsteuern. Die dortige Praxis belegt, dass digitale Tools allein keine besseren Leistungen erzeugen, sondern im Vergleich zu klassischen Unterrichtsmitteln eher das Gegenteil bewirken.


Herkunft schlägt Leistung


Und nicht zuletzt rächt sich bis heute, dass das eigentliche Nadelöhr des deutschen Schulsystems unangetastet bleibt: die ausgeprägte Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg, wie auch Samuel Greiff, Nationaler PISA-Studienleiter, gegenüber der ARD betont. Dabei hebt er hervor, dass es sich dabei keineswegs um ein Migrationsphänomen handelt, sondern die Trennlinie generell „zwischen Kindern aus privilegierten und benachteiligten Lebenslagen“ verlaufe.


Nach wie vor entscheidet der Bildungshintergrund und der Wohlstand des Elternhauses in kaum einem anderen Industrieland so stark über die schulische Laufbahn wie in Deutschland. Wer aus einem akademischen Haushalt stammt, hat eine vielfach höhere Chance, das Gymnasium zu besuchen, während Kinder aus bildungsferneren Schichten im gegliederten Schulsystem systematisch benachteiligt und abgehängt werden. Eine Chancengleichheit existiert oft nur auf dem Papier – dabei zeigen andere Länder durchaus, dass es Lösungen gäbe.


Gerade heute wird diese Bildungsmisere zu einer echten Gefahr für das gesellschaftliche Miteinander. In Zeiten von erstarkendem Rechtspopulismus, gezielten Falschinformationen und rechter Propaganda im Netz ist ein funktionierendes Bildungssystem die wichtigste Schutzmauer der Demokratie. Wer Medien nicht kritisch hinterfragen, Texte nicht sinnentnehmend lesen und Argumente nicht von Parolen unterscheiden kann, wird anfällig für einfache Antworten und gesellschaftliche Spaltung. Die Arbeit an einer gerechten, leistungsfähigen und personell gut ausgestatteten Schullandschaft ist daher heute so dringlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr. 

 

 

Quellen:


OECD: „PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung) Bereit für die Zukunft?“, 08.09.2026; online: www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i-auszugsweise-ubersetzung_1562a447-de.html

ARD / Tagesschau: „PISA-Studie: Deutsche Schüler schneiden schlecht ab wie nie“, Anna Küch, BR, 08.09.2026; online: www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/pisa-deutschland-schueler-100.html

MDR: „Neue PISA-Studie: Deutsche Schüler so schlecht wie nie zuvor“, MDR Aktuell, 08.09.2026; online: www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/pisa-studie-140.html 

 

 

(ps)