Maja verbringt ein Austauschjahr an einer amerikanischen High School. Im Interview erzählen sie und ihre Mutter Anna, wie die Entscheidung für das Auslandsjahr entstand, welche Herausforderungen die ersten Monate mit sich brachten und warum ein ganzes Jahr oft die bessere Wahl ist als ein halbes.
Ein Auslandsschuljahr verändert nicht nur die Jugendlichen, sondern auch ihre Familien. Maja berichtet von Sprachbarrieren, neuen Freundschaften, Curfews und einem völlig anderen Schulalltag in den USA. Mutter Anna erzählt, warum Loslassen die größte Herausforderung war – und weshalb sie anderen Familien Mut machen würde, den Schritt ins Ausland zu wagen.
„Es hat mich interessiert, wie es ist, woanders zu leben“
IfT: Wie kam es zu der Entscheidung, ein Auslandsschuljahr in den USA zu machen? Und wer von euch beiden hatte zuerst die Idee?
Maja: Also bei mir war es eigentlich zu 90 Prozent wegen Luka, meinem Bruder. Ihm hat es hier wirklich sehr, sehr gut gefallen. Und sonst einfach, weil es mich interessiert hat, wie es so ist, wenn ich mal nicht bei meinen Eltern wohne und woanders lebe. Ja, und wer hatte zuerst die Idee?
Anna: Ganz am Anfang, die Wurzel, liegt schon bei mir. Wenn du sagst, dass du von Luka so beeinflusst wurdest, dann bin ich die Wurzel des Ganzen. Das hat was mit meinem Hintergrund als Ausländerin zu tun. Ich wollte einfach, dass meine Kinder genauso andere Kulturen kennenlernen, wie ich die Möglichkeit gehabt habe. Ja, das war das Anfängliche, die Initiative. Aber wieso genau die USA? Auch wegen Luka? Ausgerechnet die USA.
„Eltern sollten sehr genau die Bewertung der anderen Eltern lesen“
IfT: Dann habt ihr euch ja gewissermaßen schon beim Bruder eine Organisation gesucht. Seid ihr bei der gleichen geblieben? Oder wie habt ihr die passende Organisation, die passende Schule usw. gefunden? Und worauf sollte man im Zweifelsfall achten?
Anna: Es war uns klar, dass wir den Kindern die Möglichkeit geben wollen, ins Ausland zu gehen. Um das ein bisschen dingfester zu machen, sind wir zu einer parentum-Messe nach Braunschweig gefahren. Da hat sich Luka zum ersten Mal selbst mit diesem Thema beschäftigt. Davor war eigentlich ich die treibende Kraft. Ich habe ihm Sachen vorgelegt, habe ihn zu verschiedenen Videochats eingeladen. Ich glaube, bei einem habe ich allein teilgenommen, er ist meiner Einladung nicht gefolgt.
Und dann waren wir bei dieser parentum-Messe und da saß er verschiedenen Organisationen gegenüber, darunter nicht nur die USA – weil Luka gesagt hat, er will nur ein halbes Jahr gehen, wahrscheinlich nach Spanien, also Europa. Dass wir überhaupt bei einer USA-Organisation waren, war also eher Zufall. Aber die hat ihn überzeugt und zu dieser Organisation sind wir auch gegangen. Das war die Organisation von Luka. Die war aber mehr auf Privatschulen spezialisiert. Bei Maja haben wir uns für eine andere entschieden, weil Maja in eine Public School geht. Und mit beiden Organisationen haben wir gute Erfahrungen gemacht.
Worauf sollten Eltern achten? Schwierig. Ich glaube, sie sollten wirklich sehr genau die Bewertung der anderen Eltern lesen. Es kann sein, dass die guten Erfahrungen dort nicht widergespiegelt werden. Aber die, die negative Erfahrungen gemacht haben, müssen das irgendwo niederschreiben, weil es natürlich sehr schmerzhaft ist, wenn du dein Kind irgendwo weggibst und dann Negatives erfährst. Ich glaube schon, dass die Leute, die Negatives erfahren, das auch in den Bewertungen schreiben.
„Alle sind sehr offen“
IfT: Ihr habt auf jeden Fall beide Male Glück gehabt, und da würde mich dann interessieren, wie das für dich, Maja, konkret aussieht. Fangen wir vielleicht am Anfang an: Was waren, wenn du an die ersten Wochen in den USA zurückdenkst, die größten Herausforderungen? Also beispielsweise schulisch oder sprachlich, oder war es der ganze Alltag und hattest du diesen berühmten Kulturschock?
Maja: Also am Anfang war es wirklich komplett anders. Es war auch ein bisschen schwierig mit der Sprache: Wenn ich der Gastfamilie mal getextet habe, gab es zum Beispiel richtig oft Missverständnisse. Das Leben hier unterscheidet sich wirklich sehr von dem in Deutschland, das war in den ersten Wochen auch noch mal extremer. Aber alle sind sehr offen und jeder in der Schule versucht mit dir zu reden. Es ist echt nett, dass jeder versucht, Austauschschüler in alles einzubinden, sich mit ihnen zu treffen und so. Das war so mein erster Eindruck.
IfT: Gibt es irgendwas, das dir besonders aufgefallen ist, bei dem du sagst: Krass, das habe ich ja in Deutschland so noch nie erlebt?
Maja: Ja, ich finde, die Lehrer hier sind wirklich ganz anders als in Deutschland. Sie reden mit dir so, als wären sie deine Freunde. Und die sind so … ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll, sie sind super offen und überhaupt nicht streng. Die Lehrer sind hier eigentlich so wie Mitschüler.
Anna: Und dazu muss man sagen: Maja geht hier in Deutschland auf eine Schule, wo man die Lehrer duzt.
„Die Schulregeln sind viel strenger“
IfT: Damit sind wir ja auch schon beim Thema Schulalltag. Mit Blick auf den Unterricht oder Leistungsbewertung oder auch das Miteinander in der Schule, was wären deiner Meinung nach die größten Unterschiede?
Maja: Ich finde, die Schulregeln hier sind viel strenger. Der District, in dem ich bin, hat relativ strenge Regeln. Du brauchst zum Beispiel einen Hall Pass, damit du aufs Klo gehen kannst. Oder die Türen werden während des Unterrichts nach draußen abgeschlossen. Damit will man Amokläufe verhindern. Außerdem gibt es hier ununterbrochen irgendwelche Feueralarme, also Übungen. So was gibt’s auch als Amoklaufübungen. Solche Übungen gibt es relativ oft. Ich glaube, das sind die größten Unterschiede.
Anna: Das Notensystem auch, oder?
Maja: Ja, das Notensystem, das stimmt. Es gibt hier nicht 1 bis 6, es gibt hier A bis D, und F ist nicht bestanden. Eigentlich ist 1 bis 2 ein A und es geht so weiter, wobei es nur 5 statt 6 Noten gibt, deswegen überlappen die sich so ein bisschen. Grundsätzlich ist es aber relativ ähnlich, weil es einfach von A bis F anstatt von 1 bis 6 geht.
„Meine Gastfamilie hat wirklich versucht, mir das Leben hier perfekt zu machen“
IfT: Wie erlebst du das Leben in deiner Gastfamilie? Funktioniert das gut? Und gibt es auch, wie im Schulalltag, Dinge im Alltagsleben der Familie, die dich überrascht haben?
Maja: Ja, es gibt schon Unterschiede. Hier gibt es zum Beispiel Ausgangszeiten, Curfews heißen die. Mit denen wird festgelegt, wie lange du draußen bleiben darfst. [Generell, nicht (nur) für Partys u. Ä. am späten Abend und der Nacht; Anm. d. Red.] Das war in Amerika in jeder Familie so, das habe ich in Deutschland noch nicht erlebt. Ich finde, das ist der größte Unterschied. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Die ersten Tage war ich meistens zu spät. Aber meine Gastfamilie ist super offen. Ich habe eine Gastschwester, die in meinem Alter ist, mit der mache ich relativ viel. Vor allem am Anfang habe ich mit ihr relativ viel unternommen. Als ich dann des Öfteren zu spät war, ist mir meine Gastfamilie entgegengekommen und hat meine Ausgangszeit einfach verlängert. Man merkt also, dass sie wirklich versucht, mir das Leben hier perfekt zu machen, und will, dass ich hier eine gute Zeit habe.
IfT: Was war insgesamt bislang die größte Herausforderung, die du in Amerika meistern musstest?
Maja: Am Anfang war es hier mit dem Unterricht in der Schule sehr schwierig. Ich konnte mich überhaupt nicht melden, weil ich einfach Angst hatte, dass ich mich irgendwie verspreche, dass ich einen Sprachfehler oder so mache. Aber das ist jetzt viel besser geworden. Das war wirklich nur die ersten ein, zwei Monate so.
„Du bist jeden Tag mit Freunden draußen und jeden Tag ist irgendwas los“
IfT: Was macht dir am meisten Spaß?
Maja: Ich glaube, am meisten Spaß macht mir hier, dass du wirklich jeden Tag mit deinen Freunden unterwegs bist. Du bist jeden Tag mit ihnen draußen und jeden Tag ist irgendwas los. Ich glaube, das ist hier das Beste.
Anna: Ist das in Deutschland nicht so?
Maja: In Deutschland bin ich eigentlich nur am Wochenende mit meinen Freunden irgendwo, aber hier ist es auch unter der Woche so. Nach der Schule gehen wir einfach los. Ich glaube, das liegt daran, dass du hier ab 16 Auto fahren darfst. Das ist einer der Hauptgründe, weil wir einfach manchmal so aus Spaß zum Beispiel Essen fahren oder so. Das ist in Deutschland nicht so.
„Loslassen und die Zuversicht haben, dass sie das schon machen wird“
IfT: Was war für dich als Mutter bislang die größte Herausforderung in dem ganzen Prozess und was hat dich vielleicht beruhigt oder bestärkt, um dann damit zurechtzukommen?
Anna: Ich glaube, das ist tatsächlich dieses Loslassen und die Zuversicht haben, dass sie das schon machen wird und alles gut wird, ohne dass ich dazwischenfunke und darauf einwirke. Und mich wirklich komplett raushalte aus allem, was da passiert. Zum Beispiel, dass sie zu spät kam, obwohl es ganz bestimmte, von der Familie vorgegebene Zeiten gab. Für mich ist es ein Unding, dass meine Tochter so was überhaupt über die Bühne bringt. Einfach dieses Vertrauen zu haben, dass die Gastfamilie das gut zu handhaben weiß. So, wie sie das gehandhabt haben, habe ich das niemals erwartet.
IfT: Wir kommen zum Schluss und da stellt sich dann immer die Frage: Was würdet ihr interessierten Familien raten? Was muss man sich vielleicht im Vorfeld klarmachen – neben dem, was wir schon gehört haben?
Maja: Ich glaube, man sollte sich klarmachen, dass man die Erwartungen am Anfang nicht zu hoch schrauben sollte, weil man da nicht in den ersten Tagen seine besten Freunde findet. Ich dachte am Anfang, dass die Leute, mit denen ich am Anfang was gemacht habe, auch direkt meine besten Freunde bleiben. Aber das ist überhaupt nicht so. Es klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber die Leute interessieren sich vor allem am Anfang nicht so wirklich für dich, sondern mehr für Deutschland. Ich habe meine richtigen Freunde erst relativ spät gefunden, würde ich sagen. Aber man findet sie früher oder später.
„Nach einem halben Jahr wäre die Erfahrung nicht einmal halb so gut gewesen.“
Anna: Vielleicht ist das auch ein Tipp, nicht für ein halbes Jahr zu gehen, sondern wenn man das macht, wirklich ein ganzes Jahr zu bleiben. Das ist auch das, was Luka gesagt hat: Erst im zweiten Halbjahr war er wirklich angekommen und wirklich mittendrin, ohne dieses anfängliche Unsicherheitsgefühl und tausend andere Sachen, die damit zu tun haben. Stimmt’s, Maja? Ist das bei dir auch so?
Maja: Ja, wenn ich hier nach einem halben Jahr weggegangen wäre, wäre die Erfahrung für mich auf jeden Fall nicht mal halb so gut, wie sie jetzt für mich ist.
Anna: Allerdings muss man für andere Eltern auch sagen, dass das auch was mit den Bundesländern hier in Deutschland zu tun hat. Es gibt Bundesländer, in denen man sagt: Wenn man länger als ein halbes Jahr wegbleibt, muss man das Schuljahr wiederholen. In diesem Punkt sind wir dankbar, dass wir in Niedersachsen sind, wo man das Jahr nicht wiederholen muss, wenn man ein ganzes Schuljahr wegbleibt.
IfT: Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen:
Viele Informationen findest du auf den Seiten der bekannten Anbieter, etwa bei AIFS Educational Travel, bei GOEUROPE! oder AFS.
Einen sehr guten Überblick bietet die Seite Austauschjahr.de des AJA Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustausch gGmbH. Hier gibt es auch Informationen etwa zur Finanzierung bzw. zu möglichen Stipendien für deinen Schüleraustausch, sowie viele weitere Erfahrungsberichte aus aller Welt.
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Die Namen wurden auf Wunsch der Familie von der Redaktion geändert.
01.06.2026 (ps)