Werde Senkrechtstarter*in! Ein angehender Hubschrauberpilot erzählt von seiner Ausbildung, der Vielseitigkeit des Fliegens und was für ihn die Bundeswehr so einzigartig macht.
Wer an den Beruf „Pilot*in“ denkt, hat wahrscheinlich als erstes Jets vor Augen: die Jumbojets der Airlines oder die Kampfjets des Militärs – und sei es nur aus dem Hollywood-Kino. Doch Fliegen kann weit mehr als eine gerade Linie zwischen A und B sein. Die Senkrechtstarter unter den Pilotinnen und Piloten sitzen nämlich alle im Hubschrauber! Abseits fester Routen und klarer Flugpläne sind Menschen gefragt, die flexibel reagieren können, komplexe Technik beherrschen und unter anspruchsvollen Bedingungen kühlen Kopf bewahren: das sind die Hubschrauberpiloten und -pilotinnen.
Einen angehenden Hubschrauberpiloten, Oberleutnant bei der Bundeswehr, konnten wir für ein Interview gewinnen.* Uns erzählt er, wie aus der ersten Begeisterung fürs Fliegen ein konkreter Berufswunsch wurde, warum er sich für diesen besonderen Ausbildungsweg entschieden hat und was die Hubschrauberfliegerei von anderen fliegerischen Berufen unterscheidet. Das Interview zeigt, wie vielseitig der Beruf Pilot*in sein kann – und dass Fliegen manchmal genau dort beginnt, wo es keine Start- und Landebahn gibt.
„Als ich dieses Gefühl des Fliegens gespürt habe, war mir klar, dass ich etwas in Richtung Luftfahrt machen will.“
IfT: Der Berufswunsch „Pilot“ gehört zu den klassischen Traumberufen vieler Kinder – in einer neueren Umfrage kam der Pilot bei den Jungs unter 15 Jahren sogar auf Platz 1, noch vor dem Feuerwehrmann und dem Fußballer. War Pilot zu werden bei dir auch schon ein Kindheitstraum? Oder wie bzw. wann wurde dir klar, dass das dein Berufswunsch ist?
Oberleutnant: In meiner Kindheit wollte ich eigentlich immer Astronaut oder Feuerwehrmann werden, aber im Laufe der Zeit habe ich begonnen, mich immer mehr für die Luftfahrt zu interessieren, besonders als wir zum ersten Mal mit dem Flugzeug in den Urlaub geflogen sind. Als ich dieses Gefühl des Fliegens gespürt habe, war mir klar, dass ich etwas in Richtung Luftfahrt machen will. Der endgültige Wunsch, selbst Pilot zu werden, hat sich dann etwas später, kurz vor dem Abitur, konkretisiert, obwohl ich mir selbst nicht sicher war, ob ich die Auswahlverfahren für diesen Beruf bestehen würde. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Zum Glück habe ich es damals einfach probiert.
„Die Bundeswehr bietet eine einzigartige Kombination“
IfT: Pilotenausbildungen gibt es natürlich nicht nur bei der Bundeswehr, sondern auch im zivilen Bereich. Was hat dich am Angebot der Bundeswehr überzeugt?
Oberleutnant: Während der Schulzeit habe ich gemerkt, dass mich technische Zusammenhänge, Physik und Mathematik besonders interessieren. Der Studiengang Luft- und Raumfahrttechnik hat für mich sowohl aufgrund der Themen als auch des Bezugs zum Fliegen sehr gut gepasst. Als ich mich dann intensiver mit möglichen Perspektiven nach dem Studium beschäftigt habe, wurde mir klar, dass die Bundeswehr eine einzigartige Kombination aus verantwortungsvoller Tätigkeit, technischem Studium und fliegerischer Ausbildung anbietet.
Außerdem ist das Fliegen bei der Bundeswehr auf seine eigene Art und Weise sehr herausfordernd. Wir fliegen nicht „nur“ von Flughafen zu Flughafen, sondern auch im Tiefflug zu einer kleinen Lichtung im Wald. Diese Art der Flugdurchführung birgt seine eigenen Herausforderungen, was mich besonders gereizt hat.
„Am Hubschrauber hat mich besonders die Vielseitigkeit der Einsatzmöglichkeiten gereizt.“
IfT: Du hast dich für den Hubschrauber entschieden. Was hat dich speziell an der Laufbahn als Hubschrauberpilot gereizt und bei welchem Verband machst du jetzt deine Ausbildung?
Oberleutnant: Am Hubschrauber hat mich gegenüber anderen Luftfahrzeugen besonders die Vielseitigkeit der Einsatzmöglichkeiten gereizt. Durch die Fähigkeit, in der Luft zu schweben, können sie sehr präzise manövrieren und auch dort starten und landen, wo das mit dem Flugzeug nicht möglich ist. Als wir dann im Studium die physikalischen Hintergründe rund um den Hubschrauberflug betrachtet haben, war ich von der komplexen Mechanik und Aerodynamik nur noch mehr fasziniert, was mich in meiner Wahl weiter bestärkt hat.
Während der Ausbildung bin ich Teil des Hubschraubergeschwaders 64 am Fliegerhorst Holzdorf, jedoch sind die einzelnen Ausbildungsabschnitte auf verschiedene Standorte in Deutschland verteilt, sodass man zeitweise bei anderen Einheiten an Lehrgängen teilnimmt. Nach dem Abschluss der Ausbildung kehrt man allerdings in seine sogenannte Stammeinheit zurück und erhält dort weiterführende fliegerische und taktische Ausbildungen von den erfahreneren Fluglehrern und Kollegen. Diesen Wissensaustausch innerhalb der eigenen Einheit schätze ich sehr. Besonders als junger, frisch ausgebildeter Pilot kann man von den Erfahrungen der dienstälteren Kameraden unglaublich viel lernen, sowohl fliegerisch als auch was die Denkweise während der Flüge angeht.
„Die täglichen Trainingsflüge sorgen für eine steile Lernkurve – auch wenn sie einiges von einem abverlangen.“
IfT: Wie läuft die Ausbildung dann ab? Und vor allem: ab wann darf man fliegen?
Oberleutnant: Noch vor meiner Einstellung habe ich mich für eine Laufbahn als Offizier im Truppendienst entschieden. Mein Weg bei der Bundeswehr hat dann, wie für jeden Soldaten, mit einer allgemeinen Grundausbildung begonnen, in der soldatische Grundfertigkeiten vermittelt wurden. Im Anschluss daran habe ich am Offizierlehrgang teilgenommen, der besonders Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die von Offizieren für die Führung einer Gruppe benötigt werden. Daraufhin habe ich an der Universität der Bundeswehr München mein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik begonnen und nach 4 Jahren erfolgreich mit dem Master abgeschlossen. Dieser Ablauf ist für alle angehenden Offiziere gleich, unabhängig von der angestrebten Laufbahn.
Nach dem Studium wurde ich dann ins Hubschraubergeschwader versetzt und konnte meine fliegerische Ausbildung mit einem dreimonatigen Theorielehrgang beginnen, in dem die komplexen technischen und aerodynamischen Vorgänge erläutert wurden. Auch Themen wie beispielsweise Luftverkehrsrecht und Flugfunk wurden an dieser Stelle eingeführt. Außerdem wurden in einem intensiven Englischkurs die notwendigen Fachbegriffe und Sprachkenntnisse vermittelt, um die Ausbildung, die zumeist komplett auf Englisch stattfindet, zu meistern.
„Besonders mein erster Flug im Rahmen der Ausbildung wird mir für immer in Erinnerung bleiben.“
Im Anschluss an den Theorielehrgang habe ich dann meine praktische fliegerische Ausbildung begonnen. Die Ausbildung kann entweder am Hubschrauberausbildungszentrum der Bundeswehr in Bückeburg, am Ausbildungszentrum der US Army in Fort Rucker, Alabama oder bei der britischen Royal Air Force in Shawbury stattfinden. Für mich ging es für 8 Monate in den Süden der Vereinigten Staaten von Amerika, wo ich die fliegerischen Grundlagen erlernt habe. Die täglichen Trainingsflüge und der parallel stattfindende Unterricht sorgten für eine sehr schnelle und steile Lernkurve, die allerdings auch viel von einem selbst abverlangte und einige lange Nächte forderte. Die gesamte Ausbildung ist jedoch eine tolle Erfahrung und besonders mein erster Flug im Rahmen der Ausbildung wird mir für immer in Erinnerung bleiben.
IfT: Was trainierst du in der Luft, nachdem du das Fliegen an sich gelernt hast? Wie kann ich mir so einen Trainingsflug vorstellen?
Oberleutnant: Bei Trainingsflügen wird bei uns immer versucht, alle Eventualitäten abzudecken, damit wir im Ernstfall immer richtig reagieren.
„Für mich als Pilot ist die Zusammenarbeit mit dem Fluglehrer und den Kameraden sehr wichtig.“
Der grundsätzliche Ablauf ist dabei immer sehr strukturiert. Zunächst gibt es ein ausführliches Briefing, bei dem Wetter, Auftrag, Besonderheiten im Luftraum, Verfahren und Notfallszenarien sowie die Rollenverteilung im Cockpit besprochen werden. Gerade für mich als frisch ausgebildeten Piloten ist die Zusammenarbeit mit dem Fluglehrer und später dann mit den Kameraden sehr wichtig.
In der Luft trainieren wir dann zum Beispiel die Navigation mit dem Navigationssystem oder der Karte, den Tiefflug, Landungen im Gelände und das Schweben und Manövrieren mit dem Hubschrauber, wie etwa unter Brücken und Freileitungen hindurch. Dazu kommen dann noch taktische Verfahren wie zum Beispiel der An- und Abflug auf Landezonen, Formationsflüge und das Reagieren auf simulierte Bedrohungen.
Ein weiterer großer Punkt ist das Trainieren von Notverfahren: Triebwerksausfälle im An-, Ab- oder Reiseflug oder der Ausfall von verschiedenen anderen Systemen wie zum Beispiel des elektromechanischen Stabilisierungssystems. Diese Verfahren werden sehr realistisch simuliert und sorgen dafür, dass die richtigen Handlungen auch bei einer echten Notsituation fast automatisch ablaufen.
Nach dem Flug findet dann immer noch ein Debriefing statt, bei dem wir den Flug detailliert auswerten und besprechen, was gut und was schlecht lief. Das ist wichtig, da sonst viele Punkte im Cockpit untergehen würden, und sorgt dafür, dass wir uns stetig weiterentwickeln und verbessern können.
„Man weiß genau, wie der Hubschrauber reagiert“
IfT: Mit welchen Hubschraubern bist du dabei unterwegs? Bist du überhaupt mit verschiedenen Typen unterwegs, oder spezialisiert man sich auf ein konkretes Muster, also einen Typen?
Oberleutnant: In der Ausbildung in den USA sind wir mit Hubschraubern des Typs UH-72 geflogen. Das sind Modelle, die denen ähnlich sind, die die Luftrettung in Deutschland meist verwendet. Hier in Deutschland muss man dann nochmal eine Differenzschulung durchlaufen, die die Unterschiede zur hier verwendeten EC135 aufzeigt. Glücklicherweise sind die Modelle relativ ähnlich, sodass man sich hier wenig umstellen muss. Mit diesen Hubschraubern wird momentan die Zeit überbrückt, bis die Bundeswehr den neuen CH-47-Hubschrauber bekommt, auf den ich dann später ausgebildet werden soll. Mit diesem Modell ist man dann hauptsächlich unterwegs, sodass man hier durchaus von einer Spezialisierung sprechen kann. Dadurch weiß man genau, wie der Hubschrauber nach bestimmten Steuereingaben reagiert, und muss sich nicht immer von Modell zu Modell neu eingewöhnen.
IfT: Ab 2027 bekommt die Bundeswehr 60 neue, große Hubschrauber vom Typ CH-47. Was sind das für Muster, was können die? Und hast du die schon mal live gesehen?
Oberleutnant: Die CH-47 „Chinook“ ist ein zweimotoriger Transporthubschrauber von Boeing mit zwei Hauptrotoren in Tandem-Anordnung, also zwei Rotoren hintereinander anstatt der konventionellen Gestaltung mit Haupt- und Heckrotor. Das Grundmodell der CH-47 ist zwar bereits in den 1960er-Jahren entwickelt worden, aber durch ständige Updates und Verbesserungen ist die von der Bundeswehr beschaffte Version, die CH-47F Block II, topmodern und einer der leistungsfähigsten Transporthubschrauber der Welt.
Gegenüber der bisher genutzten CH-53 kann die CH-47 mit 315 km/h deutlich schneller fliegen und mit fast 11 Tonnen auch fast doppelt so viel Ladung transportieren. Außerdem ist sie in der Lage, in der Luft betankt zu werden, eine neue Fähigkeit für Hubschrauber der Luftwaffe, die die Reichweite deutlich steigert. Weiterhin sind die verbauten Systeme alle auf dem neuesten Stand der Technik, was uns als Piloten das Arbeiten bei anspruchsvollen Bedingungen deutlich erleichtert.
„Eine große Herausforderung, auf die ich mich bereits jetzt sehr freue.“
Gesehen habe ich die CH-47 bereits bei meiner Ausbildung in den USA, wo momentan einige erfahrene deutsche Kameraden auf die CH-47 ausgebildet werden. Die Umschulung findet am gleichen Standort statt wie meine eigene Grundausbildung, daher bin ich den Anblick dieses Hubschraubers zumindest aus dieser Zeit schon gewohnt. Die Umschulung auf dieses neue Muster wird aber sicherlich nochmal eine große Herausforderung, auf die ich mich bereits jetzt sehr freue.
IfT: Du steckst ja nun Mitten in deiner Ausbildung und hast natürlich auch das Bewerbungsverfahren erfolgreich durchlaufen. Hast du Tipps oder Ratschläge für junge Menschen, die sich für eine Pilotenausbildung interessieren? Worauf muss man sich da einstellen?
Oberleutnant: Das Bewerbungsverfahren ist vor allem darauf ausgelegt, Dinge zu testen, die sich nur bedingt erlernen lassen. Konzentrationsfähigkeit, Stressresistenz, räumliches Vorstellungsvermögen und die mentale Einstellung sind Dinge, auf die man nur begrenzt Einfluss hat. Mein Tipp ist daher, ausgeruht, fokussiert und, soweit es geht, entspannt in das Auswahlverfahren zu gehen und sich nicht zu verstellen, denn das fällt meistens schnell auf. Man muss sich immer bewusst sein, dass man bei der Bundeswehr nicht nur Pilot ist, sondern in erster Linie Soldat. Es hilft daher, wenn man sich bereits im Vorhinein nicht nur mit dem fliegerischen, sondern auch mit dem soldatischen Aspekt auseinandersetzt und sich damit auch identifizieren kann.
IfT: Wenn du die Ausbildung in der Tasche hast, wie sehen deine Zukunftspläne aus? Welche Karriereoptionen bietet die Bundeswehr?
„Die Weiterführung meiner fliegerischen Karriere auf dem neuen Hubschrauber CH-47 ist eine sehr verlockende Option“
Oberleutnant: Ich habe mich für meine Laufbahn ursprünglich für 16 Jahre verpflichten müssen. Nach dieser Zeit kann ich die Bundeswehr entweder verlassen und in der Zivilwirtschaft anfangen oder meine Karriere als Berufssoldat fortsetzen. Eine endgültige Entscheidung habe ich für mich persönlich dahingehend noch nicht getroffen, die Weiterführung meiner fliegerischen Karriere auf dem neuen Hubschrauber CH-47 ist allerdings eine sehr verlockende Option, die ich sicherlich in Betracht ziehen werde.
IfT: Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen zur Ausbildung findest du auf dem Karriereportal der Bundeswehr oder in unserer Suchbörse unter dem Stichwort “Bundeswehr”!
Eine kurze Übersicht zu den verschiedenen Karrierewegen für Interessierte gibt es im Magazin zum Berufsziel Hubschrauberpilot*in!
* Aufgrund von Sicherheitsvorschriften bleibt unser Interviewpartnern hier anonym.