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Die Social-Media-Zigarette?

Sucht nach Social Media in den USA vor Gericht

Frau mit Smartphone (Symbolbild). @Freepik Frau mit Smartphone (Symbolbild). @Freepik
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Wissenschaft und Politik

In Los Angeles findet ein außergewöhnlicher Fall vor Gericht statt: Google und Meta werden verklagt, weil sie die Klägerin absichtlich von ihren Produkten abhängig gemacht hätten. Sind Social Media die neuen Zigaretten?

 

(ps) „In diesem Fall geht es um zwei der reichsten Konzerne der Geschichte, die bei Kindern Suchterkrankungen im Gehirn [planvoll] verursacht* haben“, sagt Mark Lanier, Anwalt der Klägerin, in seinem Eröffnungsplädoyer vor Gericht. Die Klägerin, eine 20jährige Frau, wirft den Konzernen Google und Meta vor, sie als Kind von ihren Produkten abhängig gemacht zu haben. Im Fokus stehen dabei insbesondere verschiedene Instrumente wie die „like“-Buttons, die am Bedürfnis, von anderen gesehen und bestätigt zu werden, ansetzen – ein Bedürfnis, für das junge Menschen besonders anfällig sind.


Mehr noch: diese Instrumente seien gezielt mithilfe verhaltenswissenschaftlicher und neurobiologischer Techniken erfolgt, und die Angeklagten hätten „bewusst eine Reihe von Designmerkmalen in ihre Produkte [eingebaut], die darauf abzielten, die Aufmerksamkeit junger Menschen zu maximieren und so die Werbeeinnahmen zu steigern.“ Die Erzeugung einer Abhängigkeit sei also Teil des Geschäftsmodells. Die Anklage verweist zudem darauf, dass rein biologisch die Gehirne der Kinder und Jugendlichen noch nicht ausgewachsen seien und den Prägungen durch die „Macht der Algorithmen“ nicht widerstehen könnten.


Bei der Klägerin habe diese Sucht zu Depressionen und Suizidgedanken geführt. Die Beklagten bestreiten diesen Zusammenhang naturgemäß – TikTok und Snap, die ursprünglich auch in der Klage standen, haben sich mit der Klägerin außergerichtlich mit Entschädigungssummen in unbekannter Höhe geeinigt. Zwar kein Schuldeingeständnis, aber doch ein Hinweis, dass die Anschuldigungen der Klägerin nicht völlig absurd sein können.


In den USA wird der Ausgang dieses Prozesses mit Spannung erwartet – entscheidet die Jury im Sinne der Klägerin, wird mit einer regelrechten Klagewelle gegen Social-Media-Konzerne gerechnet. Schon jetzt stünden laut US-Medienberichten hunderte von Verfahren in den Startlöchern, die den Social-Media-Unternehmen das Verursachen von Depressionen, Eßstörungen, psychiatrischer Behandlungen und sogar Selbstmord vorwerfen. Gut zwanzig Jahre nach Erfindung von facebook als erster breitenwirksamer Social-Media-Plattform müssen sich die Anbieterfirmen nun also erstmals mit Nachdruck für ihre Produkte verantworten.


Wie gut die Chancen für die Klägerin stehen, ist derzeit noch unklar. Social-Media-Sucht ist jedenfalls weltweit (noch) kein anerkanntes medizinisches Problem. Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kennt allerdings die „Computerspielsucht“ als psychische Erkrankung. Und hier gibt es durchaus Parallelen: Es ist in der Gaming-Industrie völlig üblich und gut dokumentiert, dass (Verhaltens-)Psycholog*innen mit am Gamedesign mitarbeiten, um Konzentrations-, Reaktions- und Entspannungsphasen zu optimieren – also um die Spieler*innen perfekt zu triggern und möglichst lange im Spiel zu behalten.



Die Situation in Deutschland
 


In Deutschland wurde erstmals 2009 die „Computerspiel- und Internetsucht“ im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung aufgenommen. Heute wird es „Internetbezogene Störungen“ genannt und hier findet sich auf den Seiten des Drogenbeauftragten tatsächlich auch der Punkt „Soziale-Netzwerke-Nutzungs­störung“. Hier wird auf eine DAK-Studie verwiesen, die 2022 bei „6,3 % der 10- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen in Deutschland“ eine problematische Social-Media-Nutzung dokumentiert. Eine internationale Studie in 32 Ländern kam zu 5 Prozent als Mittelwert, eine Studie aus den Niederlanden kam auf 11,6 Prozent.


Auch andere Studien und repräsentative Umfragen belegen immer wieder, dass es das Problem real gibt. Eine aktuelle Vertiefungsstudie der Macromedia University aus Potsdam sieht hier ebenfalls fundamentale Probleme und betont zudem die „Suchtgefahr bis weit ins Erwachsenenalter“. So gebe es bei jedem vierten Deutschen im Alter bis 44 Jahre „pathologische und problematische“ Verhaltensmuster im Zusammenhang mit Social-Media-Nutzung. Auch in dieser Studie wird das „Design als Suchtverstärker“ identifiziert. Entsprechend fordern sie eine breit aufgestellte Social-Media-Strategie von der Politik.



Wer hat nun Schuld?
 


In Deutschland, weltweit und auch jetzt in den USA vor Gericht geht es immer wieder um die Frage, wo die Erstursache liegt: im konkreten Fall also, ob die Verhaltensprägung durch Social Media ursächlich für die psychischen Probleme der Klägerin waren, oder ob die Klägerin diese Probleme aus anderen Gründen hatte und die sozialen Medien hier das unschuldigen Opfer sind. Mithin verweisen die Anwälte von Google und Meta darauf, dass sie zahlreiche Vorkehrungen getroffen hätten, um junge Menschen zu schützen.


Zwar ist es naheliegend, dass das Produktdesign von Social Media durchaus planvoll die Nutzer*innen binden soll. Aber Ursache und Wirkung von Problemen wie Depressionen sind trotzdem nicht eindeutig. So wurde vor einiger Zeit schon eine große Studie in Südkorea durchgeführt, mit tausenden Jugendlichen, in der es um den Zusammenhang von übermäßigem Medienkonsum, z.B. am Smartphone, und Depressionen ging. Zwar habe sich in der Studie gezeigt, dass übermäßiger Medienkonsum und das Vorliegen von Depressionen sehr häufig korrelieren – aber ob der Medienkonsum dabei die Ursache für die Depressionen ist, oder ob er als Symptom bei Depressionen – die aus anderen Gründen vorliegen – zu sehen sei, blieb offen.


Währenddessen ist aber weitgehend unstrittig, dass, ob mit voller Absicht oder nicht, die Nutzung der sozialen Medien bei vielen Nutzer*innen auch höheren Alters suchthafte Züge annimmt. Wessen Blick sich am Abend als letztes auf die sozialen Medien richtet und wer dann am nächsten Morgen noch vorm Aufstehen nach dem Smartphone greift, um nach neuen Nachrichten zu gucken, der hat jedenfalls ein Problem.


Auf EU-Ebene ist man da schon ein Schritt weiter: Derzeit muss sich TikTok mit der EU-Kommission auseinandersetzen, die dem Unternehmen vorwirft, ein suchterzeugendes Produktdesign entwickelt zu haben – was im Widerspruch zum Gesetz über digitale Dienste (DSA) der EU steht. Konkret in der Kritik steht das Endlos-Scrollen durch die Seite, die automatische Videowiedergabe oder auch Push-Benachrichtigungen. Es gäbe keine wirksamen Maßnahmen zur Bildschirmzeitverwaltung oder -unterbrechung. So werde, wie die Kommission mitteilt, „das Gehirn der Nutzer in einen ‚Autopilot-Modus‘“ versetzt und der Drang gefüttert, immer weiter zu scrollen.



Neue Abhängigkeiten der modernen Welt?
 


Insgesamt stellt sich die Frage, ob wir als Gesellschaft im 21. Jahrhundert an einem Punkt angekommen sind, an dem sich unsere Lebenswirklichkeit so grundlegend verändert hat, dass eine Neubewertung vieler Elemente dieser Lebenswirklichkeit dringend nötig wird. Die andauernde Debatte über Smartphonenutzung und ein Verbot an Schulen, digitale Erziehung, Gaming, der Umgang mit manipulierbarer bzw. manipulierter KI, permanente Selbstvermessung durch Wearables (Smart Watches etc.), Doomscrolling, suchtartiger Pornographiekonsum (auch das gibt es immer häufiger) usw. usf. – all dies sind Fragen und Phänomene, die unmittelbar mit unserer digitalisierten Welt und den industriellen Produkten für diese Welt zusammenhängen. Und es sind, mit Blick auf die Handhabung dieser neuen Möglichkeiten, noch ungeklärte Fragen.


Es ist kaum möglich, etwas vergleichbares in der Geschichte zu finden, da die Veränderungen durch die Digitalisierung so schnell und so vielschichtig sind, wie nie zuvor eine Veränderung war. Mit Abstrichen könnte man ins 20. Jahrhundert blicken: hier wurden von der Industrie im Laufe der Jahre ebenfalls zahlreiche Produkte auf den Markt gebracht, die durchaus erfolgreich waren, sich dann aber als teils hochproblematisch erwiesen haben. Asbest wäre da ein Beispiel, die Verwendung von FCKW, die großangelegten Werbekampagnen für Zigaretten und Alkohol usw. Auch dies alles Dinge, die in ihrer Zeit normal und akzeptiert waren, sich aber als blinde Flecken mit großem Schadpotential entpuppten. Ein Highlight waren hier übrigens Zigaretten mit Asbestfilter.
 


Die Social-Media-Zigarette?
 


Insofern ist auch die Frage nicht unberechtigt, ob Social Media und andere Digitalisierungserscheinungen als potentiell suchtgefährlich eingestuft werden sollten – und ob das permanente überprüfen und optimieren der eigenen Social-Media-Persona nicht wie ein Zug an einer Zigarette ist – vor der insbesondere Kinder und junge Jugendliche geschützt werden sollten. Teilweise wird das auch schon getan: So wurde bspw. in Frankreich ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren eingeführt, und in Australien wurden erst kürzlich fast 5 Millionen Social-Media-Accounts gesperrt, weil dort ein entsprechendes Verbot für Jugendliche unter 16 Jahre eingeführt wurde. Ähnliches wird derzeit auch in Spanien und Großbritannien politisch rege diskutiert.


Deutschland hängt – wie bei eigentlich allen Themen der digitalen Welt – in der Diskussion weit zurück. Hier sind noch nicht mal in allen Bundesländern Regelungen zum Umgang mit dem Smartphone in der Schule beschlossen worden – und selbstredend auch nicht dieselben für jedes Bundesland. Aber auch hier wird die Diskussion über Social Media für Kinder und Jugendliche kommen (müssen). Denn unabhängig davon, ob die Anbieterfirmen nun böswillig manipulieren oder einfach ihr Produkt in die Welt stellen: die Tatsache, dass die Digitalisierung mit Social Media & Co. gesellschaftliche Veränderungen und Probleme verursacht, zu denen man sich verhalten muss, dürfte weitgehend unbestritten sein.

 


Quellen:
 


Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen: Themenseite „Internetbezogene Störungen in Deutschland“; online: datenportal.bundesdrogenbeauftragter.de/internetbezogene-stoerungen

CBS News: „Meta, YouTube face trial over allegations their tech is addictive, as TikTok settles“, CBS/AP, 27.01.2026; online: www.cbsnews.com/news/meta-tiktok-youtube-trial-social-media-addiction-mental-health/

ComputerBase: „EU-Kommission: TikTok ist suchterzeugend und muss sein Design ändern“, Michael Günsch, 07.02.2026; online: www.computerbase.de/news/apps/eu-kommission-tiktok-ist-suchterzeugend-und-muss-sein-design-aendern.96067/

Macromedia University of Applied Sciences (via idw): PM „Social-Media-Sucht betrifft alle Generationen – Politik muss über Jugendliche hinausdenken“, 06.10.2025; online: idw-online.de/de/news859213

Le Monde: „Jury told that Meta, Google 'engineered addiction' at landmark US trial“, Le Monde with AFP, 10.02.2026; online: www.lemonde.fr/en/pixels/article/2026/02/10/jury-told-that-meta-google-engineered-addiction-at-landmark-us-trial_6750323_13.html

 


* Im englischen Original wird die Vokabel „engineered“ verwendet. „To engineer something“ hat keine exakte Entsprechung im Deutschen und bedeutet neben dem technischen „konstruieren“ sowohl „ausführen, arrangieren“, als auch „manipulieren“. Es hat also immer eine planvolle Komponente und kann, wie in diesem Kontext, auch einen negativen, maliziösen Unterton haben. Hier behelfsmäßig mit „[planvoll] verursacht“ wiedergegeben.

 


12.02.2026