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"Die ganze Welt ist eine Bühne"

Berufsperspektiven in der Zirkuskünsten

Pantomimekünstlerin blickt in die Ferne (Symbolbild). ©Freepik Pantomimekünstlerin blickt in die Ferne (Symbolbild). ©Freepik
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Berufsbilder

Karrieren in Zirkus- und Performancekünsten sind vielfältiger und realistischer, als ihr Ruf vermuten lässt – von Artistik bis zu pädagogischer Arbeit. Wer ein gewisses Talent, Ausdauer und Leidenschaft mitbringt, findet hier ganz unterschiedliche Ausbildungswege und berufliche Perspektiven, sowohl haupt- als auch nebenberuflich.

 

(ps) Zirkuskünste sind nicht unbedingt das, was man von Karriereberater*innen üblicherweise als erstes vorgeschlagen bekommt. Doch ganz so abseitig ist die Idee gar nicht – es gibt weltberühmte Zirkusse (ja, so ist der Plural laut Duden) und Artistiktruppen, mit dem Internationalen Zirkusfestival von Monte-Carlo eine ebenfalls weltberühmte Leistungsschau, die als Weltmeisterschaft der Artistik gesehen werden kann, und vieles mehr. Das Leben in einem Wanderzirkus ist für eine Karriere in dieser Branche heute also nicht mehr nötig. – Ein Fun Fact am Rande: wandern tun weiterhin die internationalen Tage der Branche, wie der Weltzirkustag (3. Samstag im April) oder der Internationale Tag der Schwertschlucker (letzter Samstag im Februar). – Es gibt also durchaus Anlass, um einen Blick auf die Perspektiven in den Performance Arts zu werfen. Von Artist*innen über Clowns bis zu Zauberkünstler*innen bieten sich vielfältige Betätigungen, die haupt- und nebenberuflich ausgeführt werden können. Beispielsweise als Klinik-Clown kann man sich dabei zugleich auch sozial engagieren. Ein Überblick.
 

Um es gleich vorwegzunehmen: Obwohl sie sogar einen internationalen Tag feiern, ist Schwertschlucken wirklich keine gute Idee. Eine medizinische Studie zu den Risiken des Schwertschluckens wurde sogar mit dem satirischen, aber wissenschaftlich einwandfreien, Ig-Nobelpreis ausgezeichnet. Glücklicherweise gibt es zahllose weniger gefährliche Alternativen, denen man sich zuwenden kann. So wie es Lisa Rinne gemacht hat: „Nachdem ich mein Abitur bestanden habe, hatte ich erstmal genug vom Lernen. Ich wollte etwas Praktisches machen!“, erzählt sie „Klenkes Stadtmagazin“. Als sie von einer Zirkusakademie in den Niederlanden hörte, die eine vierjährige Ausbildung für Akrobatik und Tanz in der Manege anbietet, dachte sie: „Nichts wie hin da!“ Aber nicht nur in den Niederlanden, auch in Deutschland gibt es hier einige Möglichkeiten. 
 

Dabei muss die Branche leider mit dem Vorurteil kämpfen, sie sei eine brotlose Kunst – wie auch Magier Marc Weide berichtet. 2018 wurde er als 27jähriger „Weltmeister der Zauberkunst“ in der Sparte „Salonmagie“ bei der Weltmeisterschaft in Südkorea. Dennoch hatten sein Umfeld – und er selbst – anfangs Zweifel: „Beruflich Zauberer, das konnte sich keiner vorstellen. Und kann man davon leben? Das hat mich aber nur noch mehr motiviert. Ich wollte es allen zeigen!“ Und seine Karriere beweist, dass es geht. Auch wenn es kein klassischer Lohn-und-Brot-Beruf ist. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch das harte Arbeit ist: „Ich habe jeden Tag trainiert und bin überall aufgetreten, wo ich nur konnte. Kindergarten, Seniorenheim, ich habe an jede Tür geklopft!“, erzählt Marc dem „Stern“.
 

Vielfältige Ausbildungswege
 

Die Möglichkeiten in der Zirkus- und Artistenwelt sind vielfältig. Dabei gibt es duale Ausbildungen, die also auch einen Berufsschulbesuch beinhalten, als auch staatlich anerkannte Aus- und Weiterbildungen privater Bildungsträger. Diese können oft berufsbegleitend absolviert werden. Hier gibt es bspw. Zirkus- oder Tanzpädagogik, Artistik, Bühnentanz, Darsteller*in für Clowntheater & Komik oder Ausbildungen für Zeitgenössischen Zirkus. Und schließlich gibt es für einige Tätigkeiten Studiengänge, die zumeist an Kunsthochschulen absolviert werden. Auch hier kann bspw. Tanz oder Choreographie gelernt werden, aber auch Figurentheater und Puppenspielerei sind Studienfächer. Allen Optionen außer den dualen Ausbildungen ist gemeinsam, dass es in der Regel kostenpflichtige Angebote sind, d.h. eine Ausbildungsvergütung gibt es nicht. 
 

Eine besondere Möglichkeit bietet die Staatliche Artistenschule Berlin. An der 1956 in Berlin–Prenzlauer Berg gegründeten Schule können die normalen Abschlüsse aller drei Schulglieder erlangt werden, während dabei besonders viel Aufmerksamkeit auf Sport und Artistik gelegt wird. Die Absolvent*innen haben so auch das Zertifikat „Staatlich geprüfte Artistin/geprüfter Artist“ zusammen mit dem Schulabschluss in der Tasche. So wie Luftartist Johann Prinz, der als Quereinsteiger in der 9. Klasse – nach einer erfolgreichen Bewerbung – dazukam. Seit er als Elfjähriger zwei Clowns sah, war es um ihn geschehen und er wusste: „In diese Welt will ich auch!“. Es folgten viele Jahre harter Arbeit, aber für Johann hat es sich gelohnt. Den „Osthessen News“ erzählt er: „Wenn ich auf der Bühne performe, befinde ich mich in einem Tunnel. Das ist pure Konzentration und Wachheit! Ich bin total im Moment.“
 

Nebenberuflich etwas Gutes tun
 

Menschen wie Johann, Marc oder Lisa zeigen, dass Karrieren in Performance Arts und Zirkuskünsten nicht nur möglich, sondern machbar sind. Doch auch nebenberuflich kann man tätig werden. Beispielsweise bieten einige Clownschulen (derer es gar nicht so wenig gibt, wie man vielleicht denken mag) nach erfolgreicher Clownausbildung Fortbildungen zum Klinik-Clown an. So hat es auch der Sozialpädagoge Jan Becker gemacht. Für ihn ist klar: „die Menschen zum Lachen zu bringen und ihnen Lebensfreude zu schenken“ sei das Schönste. „Krankenhausclown zu sein ist für mich überaus sinnstiftend. Ich möchte es nicht mehr missen.“ Einsätze gibt es nicht nur bei Kindern. Auch auf Palliativstationen oder bei Demenzkranken können Clowns hilfreiche psychologische Arbeit leisten. 
 

Welcher Weg auch immer hier beschritten wird: Viel Freude ist praktisch garantiert. Für Berufswege in diesem Feld gibt es, außer für die Studiengänge, in der Regel keine vorgeschriebenen schulischen Abschlüsse. Viele Künstler*innen, von Puppenspieler*innen bis Artist*innen, machen sich selbstständig oder treten professionellen Compagnien bei. Weitere Arbeitsorte sind neben natürlich dem Zirkus auch Theater, Tanz-, Musik- und Ballettschulen, Film- und Fernsehproduktionen oder Volkshochschulen. Weiterhin bieten die Zirkuskünste auch interessante Perspektiven für Menschen aus dem pädagogisch-therapeutischen Bereich.
 


Weiterführende Informationen
 

Bedauerlicherweise gibt es kein umfassendes Onlineportal, das alle Möglichkeiten in diesem Bereich aufführt. Für die Recherche empfehlen wir Begriffe wie

•    Clownschule
•    Zirkusschule
•    Schule für darstellende Künste
•    Theaterschule
•    Tanzschule
•    Artistenschule

Damit dürften die meisten Aus- und Weiterbildungsangebote zu finden sein. Viele Ausbildungsbetriebe und Praktikumsplätze findest Du in unserer Suchbörse!

 


Quellen:
 

Klenkes Stadtmagazin Aachen: „Aachener Weihnachtszirkus-Akrobatin im Interview“; online nicht mehr verfügbar: https://www.klenkes.de/stadtgespraech/artikel/91270.aachener-weihnachtscircus-akrobatin-im-interview (Stand 28.02.2022)

Göttinger Tageblatt: „Interview mit Zauber-Weltmeister Marc Weide“, Max Brasch, 31.01.2019; online: https://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Interview-mit-Zauber-Weltmeister-Marc-Weide 

Stern: „Marc Weide: So hart kämpfte er für seine Zauber-Karriere“, o.A., 25.06.2018; online: https://www.stern.de/lifestyle/leute/marc-weide-so-hart-kaempfte-er-fuer-seine-zauber-karriere-8141254.html 

Osthessen News: „Johann Prinz (18) hat besonderen Berufswunsch: staatlich geprüfter Artist“, Franziska Vogt, 05.01.2017; online: https://osthessen-news.de/n11548636/johann-prinz-18-hat-besonderen-berufswunsch-staatlich-gepruefter-artist.html 

Memo Media: „'In diese Welt will ich auch!' – Johann Prinz, Sprungbrett-Preisträger 2019“, Tabea Lettau, 05.07.2020; online: https://www.memo-media.de/blog/johann-prinz-sprungbrett-preistraeger-2019/ 

Staatliche Balett- und Artistikschule Berlin: https://sbuas.berlin/allgemeinbildung/ausbildung.html 

Erfahrungsbericht Klinikclown Jan Becker; online nicht mehr verfügbar: https://www.ergo-impulse.de/gesundheit-pflege/klinikclown-erfahrungsbericht/ (Stand 28.02.2022)

 

 

 

 

28.02.2022; bearbeitet 16.12.2025