Im Interview erklärt Jürgen Hindenberg, warum die duale Ausbildung eine gleichwertige Alternative zum Studium ist und räumt mit dem Vorurteil des „Plans B“ auf. Dabei gibt er wertvolle Tipps, wie Jugendliche ihren Wunschberuf finden können.
Die berufliche Orientierung junger Menschen steht heute vor neuen Herausforderungen: Zwischen Ausbildung und Studium eröffnen sich vielfältige Wege, die jedoch nicht immer gleichermaßen bekannt sind. Während das duale Ausbildungssystem in Deutschland international als Erfolgsmodell und Vorbild gilt, wird es im Inland gerne unterschätzt oder als „Plan B“ betrachtet. Gleichzeitig verändert die Digitalisierung die Ansprache junger Zielgruppen grundlegend – insbesondere über soziale Medien.
Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) die bundesweite Kampagne „Jetzt #könnenlernen – Ausbildung macht mehr aus uns“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, das Bewusstsein für die Chancen und Möglichkeiten der dualen Ausbildung zu stärken und insbesondere junge Menschen sowie Eltern und Lehrkräfte umfassend zu informieren. Im Interview erläutert Jürgen Hindenberg, Geschäftsführer Bildung und Fachkräftesicherung der IHK Bonn/Rhein-Sieg, die Hintergründe der Kampagne, spricht über verbreitete Vorurteile gegenüber der Ausbildung und zeigt auf, warum berufliche und akademische Bildung durchaus gleichwertige Karriereperspektiven bieten können – und hat auch Tipps für Schüler*innen parat, die sich für Ausbildungen interessieren.
„Unsere Influencer sind echte Azubis“
IfT: Was war der Anlass für die bundesweite Kampagne „Jetzt #könnenlernen – Ausbildung macht mehr aus uns“ und welche Fragen zum Ausbildungssystem möchte die IHK damit konkret ansprechen?
Jürgen Hindenberg: Der Auslöser lässt sich im Grunde einfach beschreiben: Die Industrie- und Handelskammern haben in ihren jeweiligen Regionen schon immer für das duale Aus- und Weiterbildungssystem geworben. Allerdings erfolgte dies bisher mit unterschiedlichen, lokal gesteuerten Ansätzen. Für die sozialen Medien erweist sich ein derart regionalisiertes Vorgehen jedoch als wenig zielführend.
Wenn das Ziel darin besteht, das Thema duale Berufsausbildung einer breiten Zielgruppe näherzubringen, spielt es für die jungen Menschen, aus beispielsweise Bremen, keine Rolle, ob die Informationen von der Handelskammer Bremen, der IHK Bonn/Rhein-Sieg oder der IHK München und Oberbayern stammen. Entscheidend ist vielmehr die inhaltliche Qualität und Relevanz der Informationen.
Vor diesem Hintergrund haben wir uns die Frage gestellt, ob es nicht sinnvoller wäre, die bislang dezentral eingesetzten finanziellen Mittel zu bündeln und in eine gemeinsame, bundesweite Social- Media-Strategie zu investieren. Denn soziale Medien sind nicht an regionale Grenzen gebunden. Damit war der Grundstein für unsere bundesweite Ausbildungskampagne gelegt. Im Rahmen eines Ideenwettbewerbs wurde schließlich auch unser Claim entwickelt: „Jetzt #könnenlernen – Ausbildung macht mehr aus uns“.
Ziel der Kampagne ist die Attraktivität des dualen Ausbildungssystems – es ist eine Awareness-Kampagne. Junge Menschen werden über die Vorzüge und Chancen der Berufsausbildung informiert. Insbesondere Personen mit Zuwanderungsgeschichte soll vermittelt werden, dass es dieses System gibt und welche Möglichkeiten es bietet. Dies gelingt uns durch direkte und unmittelbare Einblicke in den Ausbildungsalltag. Unsere Influencer sind echte Azubis, die Jugendliche mitnehmen in den Ausbildungsalltag im Unternehmen und in der Berufsschule. Sie zeigen, wie cool duale Ausbildung ist.
„Der Bildungsweg muss zu den eigenen Neigungen passen“
IfT: Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile einer Ausbildung, oder welche Vorteile bietet die duale Ausbildung im Vergleich beispielsweise zu einem Studium?
Hindenberg: Es geht nicht darum, die beiden Bildungswege gegeneinander auszuspielen oder als besser/schlechter darzustellen. Jeder Bildungsweg hat seine Daseinsberechtigung. Wir möchten vielmehr verdeutlichen, dass der jeweils eingeschlagene Bildungsweg den eigenen Neigungen entsprechend individuell passend sein muss. Und dass unser Bildungssystem hierfür vielfältige Möglichkeiten bereithält: angefangen vom praxisorientierten dualen Ausbildungssystem, also quasi den Bildungsgängen der Wirtschaft, deren Fokus auf der Erlangung der beruflichen Handlungskompetenz liegt, über ausbildungsintegrierte duale Studiengänge bis hin zu klassischen Studienformaten, die im Vergleich deutlich wissenschaftlicher orientiert sind.
Idealerweise sollte jeder Schulabschluss in eine qualifizierte berufliche Perspektive münden. Allerdings ist vielen jungen Menschen nicht ausreichend bewusst, dass eine duale Ausbildung, sowohl im Hinblick auf persönliche Neigungen als auch auf Einkommensperspektiven, einen ebenso Erfolg versprechenden Weg aufzeigen kann wie ein klassischer Hochschulabschluss. Während seitens der Länder und Hochschulen intensiv für akademische Laufbahnen geworben wird, fehlt bislang eine vergleichbare öffentliche Sichtbarkeit, mit Blick auf Chancen und Vorzüge, für die duale Ausbildung.
„Karriere mit Lehre, das ist unser Grundgedanke“
Um es mit einem bekannten Ausdruck zu formulieren: „Karriere mit Lehre“, das ist unser Grundgedanke. Zahlreiche Unternehmen sind gezielt auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften, die sie nach der Ausbildung langfristig binden und in Führungspositionen im eigenen Unternehmen weiterentwickeln können. Solche Positionen werden häufig bewusst mit berufserfahrenen Praktikerinnen und Praktikern besetzt.
Im Übrigen ist den wenigsten bewusst, dass berufliche und akademische Bildung im Deutschen Qualifikationsrahmen auf derselben Stufe eingeordnet und somit als gleichwertig anerkannt ist. Der Unterschied liegt in der Ausrichtung: Während akademische Bildung stärker theoriebasiert ist, zeichnet sich die berufliche Bildung durch einen hohen Praxisbezug aus. Beide Wege begegnen sich jedoch auf Augenhöhe.
Mit der bundesweiten Kampagne Jetzt #könnenlernen möchten wir genau diese Aspekte stärker in die öffentliche Wahrnehmung rücken und aufzeigen, welche vielfältigen Alternativen das deutsche Bildungssystem bietet.
IfT: Wie hat sich das Interesse junger Menschen an einer dualen Ausbildung entwickelt? Haben Sie da Veränderungen beobachtet?
Hindenberg: Wir stellen fest, dass die Kampagne mit Millionen Klicks und Likes eine hohe Reichweite erzielt hat. Das ist für uns ein großer Erfolg, über den wir uns natürlich sehr freuen.
Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Kampagne und konkret abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gibt, können wir nicht sagen. Unsere Awareness-Kampagne scheint anzukommen. Auf regionaler Ebene lässt sich aber durchaus eine Zunahme des Interesses an Ausbildungsangeboten beobachten, insbesondere auch vermehrt von Jugendlichen mit Hochschulzugangsberechtigung. Vor diesem Hintergrund ziehen wir bisher eine insgesamt sehr positive Bilanz.
„Ausbildung als ’Plan B‘ ist schlichtweg ’B wie Blödsinn‘“
IFT: Welche typischen Missverständnisse oder vielleicht auch Vorurteile begegnen Ihnen, wenn es um die duale Ausbildung geht?
Hindenberg: Die duale Ausbildung wird häufig als „Plan B“ gesehen, also als Rückfalloption, wenn das Abitur nicht gelingt. Diese Wahrnehmung begegnet uns oft in Gesprächen mit Eltern, aber auch unter einigen Lehrkräften herrscht diese Meinung noch vor. Das ist nicht nur schade, sondern auch schlichtweg „B wie Blödsinn“. Die Ausbildung ist keine Notlösung. Sie eine gleichwertige Alternative zum Studium, die für viele Menschen sogar bessere Perspektiven eröffnet als ein Studium.
Auch die verbreitete Annahme, ein Studium führe automatisch zu einem höherem Einkommen sowie zu mehr Stabilität und Sicherheit, ist nicht korrekt. Viele Ausbildungsberufe bieten beständige Beschäftigung und attraktive Verdienstmöglichkeiten. So kann beispielsweise ein Industriemeister Metall häufig mehr verdienen als jemand mit einem sozialwissenschaftlichen Studium. Auch ein Bilanzbuchhalter trägt in Unternehmen oft deutlich mehr Verantwortung als Absolventen mancher geisteswissenschaftlicher Studiengänge.
IfT: Was könnten Ausbildungsunternehmen aus Ihrer Sicht tun, damit sich junge Menschen noch mehr für die Ausbildung interessieren und sie als attraktive Betriebe wahrnehmen? Und wo hapert es da vielleicht noch?
Hindenberg: Die Jetzt #könnenlernen-Kampagne ist eine Mitmach-Kampagne. In einer Toolbox stehen unseren Mitgliedsbetrieben zahlreiche Materialien der Kampagne kostenfrei zur Verfügung. Ich ermuntere alle Unternehmen, ihr Ausbildungsengagement im Rahmen der bundesweiten Kampagne offen zu zeigen und Flagge zu bekennen.
In der heutigen Zeit müssen Unternehmen auf unterschiedlichen Kanälen sichtbar sein. Die Jugend bewegt sich viel im Social-Media-Raum; darüber hinaus ist jedoch auch eine zweite Ebene von großer Bedeutung, die des Out-of-Home-Flight, also der Möglichkeit, real gesehen zu werden.
Gleichzeitig muss bei der Nachwuchssuche frühzeitig angesetzt werden, etwa durch das Angebot von Praktikums- und Ausbildungsplätzen sowie durch enge Kooperationen mit Schulen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Sichtbarkeit des Unternehmens entscheidend. Man muss anderen, also den Mitbewerbern, einen Schritt voraus sein. Da ist der Erfolgsfaktor.
„Der Wettbewerb richtet sich heute auf qualifizierte Fachkräfte“
Veranstaltungen wie die vocatium bieten zusätzlich eine wertvolle Plattform, um mit potenziellen Nachwuchskräften ins Gespräch zu kommen und die eigene Attraktivität als Arbeitgeber zu unterstreichen. Insgesamt zeigt sich: Der Wettbewerb richtet sich heute nicht mehr primär auf akademische Spitzenkräfte, sondern auf qualifizierte Fachkräfte.
Unternehmen befinden sich mittlerweile in einem Kampf um gute Köpfe. Und der Kampf um gute Köpfe ist kein Kampf um die besten Hochschulabsolventen, sondern ein Kampf um die besten Fachkräfte.
IfT: Die Kampagne Jetzt #könnenlernen bietet ja auf der Website nicht nur viele Angebote für Schülerinnen und Schüler, sondern auch Informationen für Eltern. Welche Rolle haben Ihrer Einschätzung nach die Eltern bei der Berufsorientierung der Kinder? Und wie kann man das eventuell auch besser fördern?
Hindenberg: Studien belegen, dass insbesondere zwei Gruppen maßgeblich für die berufliche Orientierung bei Jugendlichen sind: Lehrkräfte und Eltern. Eltern sind Vertrauenspersonen, die Kindern Halt und Hilfestellung geben. Entsprechend groß ist der Einfluss elterlicher Empfehlungen.
Das deutsche Bildungssystem und insbesondere das duale Ausbildungssystem sind wenig bekannt. Gerade bei Familien mit Zuwanderungsgeschichte zeigt sich ein starker elterlicher Wunsch nach Akademisierung, da in vielen Herkunftsländern eine Hochschulorientierung dominiert. Vergleichbare duale berufspraktische Strukturen existieren kaum. Daher ist es entscheidend, Eltern zunächst die Funktionsweise und vor allem die Durchlässigkeit des deutschen Systems zu vermitteln.
„Bildungswege sind nicht starr“
Diese Durchlässigkeit ist ein wesentlicher Vorteil unseres Systems: Bildungswege sind nicht starr. Sie ermöglichen vielfältige Entwicklungen, beispielsweise „mit oder trotz“ Hauptschulabschluss die Erlangung einer Promotion; das Erreichen eines höheren Schulabschlusses durch eine abgeschlossene Berufsausbildung; die Möglichkeit eines Studiums auch ohne Abitur; den Abschluss Master Professional durch berufliche Aufstiegsfortbildungen – nur um Ihnen ein paar Beispiele zu nennen. Auch Quereinstiege sind möglich und eröffnen zusätzliche Perspektiven.
Informationsbedarf besteht allerdings nicht nur bei Eltern, sondern teilweise auch bei Lehrkräften. Umso wichtiger ist es, beide Zielgruppen gezielt anzusprechen und aufzuzeigen, dass unabhängig vom ersten Bildungsweg vielfältige Chancen bestehen und Wechsel jederzeit möglich sind.
„Praktische Erfahrungen sind die beste Möglichkeit, eigene Stärken herauszufiltern.“
IfT: Damit kommen wir jetzt auch schon zur letzten Frage, bei der wir sozusagen traditionell immer nach Tipps für die Leser*innen fragen. Welche Tipps würden Sie Schülerinnen und Schülern geben oder was würden Sie ihnen raten, wenn sie noch unsicher sind, ob eine Ausbildung oder ein Studium besser zu ihnen passt?
Hindenberg: Erstens: Praktika! Praktische Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen, Branchen und Berufen zu sammeln, ist die beste Möglichkeit, eigene Interessen, Stärken und Neigungen herauszufiltern. Die Schulen bieten mit vielfältigen Formaten Berufsorientierungsmaßnahmen an, wie z. B. dem Girls’ und Boys’ Day, Berufsorientierungstagen, mehrwöchigen Praktika…
Zweitens: jede gesammelte Erfahrung als Erkenntnisgewinn zu sehen! Auch wenn das Praktikum nicht den gewünschten „Erfolg“ gebracht hat, ist es wichtig, dies dennoch als wertvolle Erfahrung und nicht als Zeitverschwendung zu sehen. Wenn einem etwas nicht zusagt, ist das keine Niederlage, sondern eine wichtige Erkenntnis darüber, welcher Beruf nicht zu einem passt.
Drittens: aktiv Informationen einholen! Durch den Austausch über persönliche Erfahrungen mit Studierenden, Auszubildenden und Fachkräften. Einen Blick hinter die Kulissen der Unternehmensmauern wagen, etwa im Rahmen von Tagen der offenen Tür. Viele Betriebe sind sehr offen und unterstützen Eigeninitiative gerne. Auch der Besuch von Berufsschulen, Messen oder Veranstaltungen wie der vocatium kann helfen, einen umfassenden Einblick zu gewinnen. All dies zeigt: Mit vergleichsweise geringem Zeitaufwand lassen sich viele Eindrücke sammeln, die bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Das A und O ist, aktiv zu bleiben und die eigenen Möglichkeiten zu nutzen. Am Ende zahlt sich das Engagement aus.
IfT: Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen:
IHK: Jetzt #könnenlernen – Ausbildung macht mehr aus uns
26.06.2026