Während KI-Chatbots im Alltag blitzschnelle Unterstützung bieten, warnt eine neue Studie vor den unbemerkt bleibenden Nebenwirkungen der Technologie. Die Forschenden zeigen, dass die Nutzung digitaler Helfer unsere eigene Problemlösekompetenz und Ausdauer schon nach kürzester Zeit drastisch verschlechtern kann.
(ps) Keine technische Neuerung in der Geschichte der Menschheit hat innerhalb so kurzer Zeit so einen fundamentalen Einfluss auf die Gesellschaft gehabt wie die Entwicklung moderner KI-Systeme. Als ChatGPT Ende 2022 als erste gut funktionierende Chatbot-KI veröffentlicht wurde, verbreitete es sich wie ein Lauffeuer, und die Konkurrenz zog rasch nach. Schon heute haben weltweit unzählige Menschen ihren Arbeitsplatz durch KI verloren, und auch im Bildungssektor, von der Grundschule bis zur Universität, haben diese vier Jahre mit ChatGPT ausgereicht, um den kompletten Betrieb auf den Kopf zu stellen. Es gibt eigentlich keinen Lebensbereich mehr, in dem nicht irgendwie KI involviert ist.
Digitalisierung und die kognitive Entwicklung
Doch es mehren sich die Stimmen, die darauf verweisen, dass dies eigentlich gar nicht so gut für uns ist. Schließlich steht die Generation Z ohnehin vor großen Herausforderungen – erst kürzlich wurde festgestellt, dass die Gen Z die erste Generation seit Beginn der Erhebungen in den 1930er-Jahren ist, die eine schlechtere Intelligenz-Entwicklung aufweist als die Vorgängergeneration. Laut den Forschenden liege die Hauptursache bei der Digitalisierung. „Mehr als die Hälfte der Zeit, in der ein Teenager wach ist, verbringt er damit, auf einen Bildschirm zu starren“, sagt der Neurowissenschaftler Dr. Jared Cooney Horvath. Dies verhindere tiefgreifendes Lernen.
In dieses – schon ohne KI problematische – digitale Überangebot hinein mischen sich nun also seit einigen Jahren KI-Anwendungen, die insbesondere bei jungen Menschen signifikante Nutzungszahlen aufweisen. Deren Effekte hat ein internationales Forschungsteam der Universitäten Oxford, MIT, Carnegie Mellon und UCLA untersucht und kommt zu eher ernüchternden Ergebnissen. Während alle Welt sich freut, wie praktisch Chatbots sind und wie gut sie helfen können, bleibt dabei eher unbemerkt, dass sie rasch Abhängigkeiten verursachen und unsere kognitiven Leistungen negativ beeinträchtigen.
Das Experiment: Schneller Erfolg – schlechtes Ergebnis
Die Forschenden haben hierfür ein einfaches, robustes Testprinzip entworfen. Die Studienteilnehmer*innen sollten in einem überschaubaren Zeitraum von etwa zehn Minuten simple Bruchrechenaufgaben lösen. Gruppe A konnte hierfür ChatGPT zur Unterstützung heranziehen, Gruppe B musste die Aufgaben selbstständig lösen. Nachdem beide Gruppen die zwölf Aufgaben in der „Lernphase“ gelöst hatten, gab es einen „Test“ – drei weitere Aufgaben, die alle Teilnehmenden ohne ChatGPT lösen mussten. Während die ChatGPT-Gruppe bei den zwölf Aufgaben beinahe durchweg bessere Ergebnisse vorweisen konnte, drehte sich dieses Verhältnis im Test um: Die Gruppe ohne KI brachte hier die deutlich besseren Ergebnisse.
Dieses Ergebnis überprüften die Forschenden mit einer zweiten Testrunde und mehr Teilnehmenden, nebst einem „Vorab-Test“, um unterschiedliche Leistungsniveaus der Teilnehmenden auszusieben. Auch hier kamen sie jedoch zum gleichen Ergebnis: Wer in der Lernphase ChatGPT nutzte, erbrachte im Test schlechtere Leistungen als die Vergleichsgruppe ohne ChatGPT-Unterstützung.
Parallel wurde bei beiden Tests auch die sogenannte „Skip-Rate“ erhoben – also die Häufigkeit, mit der die Teilnehmenden eine Aufgabe nicht gelöst, sondern übersprungen haben. Hier zeigte sich eine parallele Entwicklung: Zwar lag die Skip-Rate in der Lernphase bei den Teilnehmenden ohne ChatGPT etwas höher – im Test jedoch, wenn es sozusagen darauf ankommt, lagen ihre Skip-Raten unterhalb derer der ChatGPT-Gruppe.
Als einen letzten Schritt haben die Forschenden dann einen neuen Test entworfen, in dem es um das Leseverständnis ging. Diese Aufgabe beansprucht völlig andere Bereiche des Gehirns als Mathematik und sollte die Ergebnisse aus dem Mathetest überprüfen. Hier zeigte sich, dass die negativen Effekte der KI-Nutzung sogar noch deutlicher waren. So ergab sich ein geringerer Abstand zwischen den Leistungen der beiden Gruppen in der Lernphase – die ChatGPT-Gruppe schnitt hier nur minimal besser ab. Zugleich blieb das Ergebnis bei den Testfragen am Ende gleich: Wer vorher ChatGPT nutzte, schnitt im anschließenden Test durchweg schlechter ab.
Auswirkungen auf die eigenständige Problemlösung
Die Forschenden zeigen sich überzeugt, dass KI-Unterstützung die Beharrlichkeit bzw. das Durchhaltevermögen im Denken („persistence“) verringert und die eigenständige Leistung beeinträchtigt. So gab die ChatGPT-Gruppe bei den Testaufgaben mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit auf und schnitt – nachdem die KI entfernt worden war – signifikant schlechter ab als Teilnehmende, die zu keinem Zeitpunkt KI-Unterstützung erhalten hatten. Da sich diese Ergebnisse sowohl bei Leseverständnis- als auch bei Matheaufgaben zeigten, gehen die Forschenden zudem davon aus, dass sich dieser Befund als allgemeine Folge KI-gestützter Problemlösung einordnen lässt und nicht auf einen bestimmten Aufgabentypus beschränkt ist.
Immerhin zeigte sich, dass negative Effekte nur unter jenen ChatGPT-Nutzenden auftraten, die das Programm direkt für die Problemlösung einsetzten. Jene, die sich von der KI nur Tipps und Hinweise geholt hatten, schnitten in etwa so gut oder schlecht ab wie die Vergleichsgruppe. Allerdings nutzte eine deutliche Mehrheit von 61 Prozent die KI, um sich die Aufgabe teilweise oder komplett lösen zu lassen. Insbesondere für den schulischen Bildungsbereich bedeutet das allerdings auch: Wenn man den Schüler*innen eine konstruktive Nutzung gut vermittelt, kann KI durchaus sinnvoll als Lernassistenz bzw. als günstiger Nachhilfeersatz genutzt werden.
Forschende warnen vor langfristigen Folgen
Insgesamt überwiegt bei der Forschungsgruppe allerdings die Sorge. Zwar verspreche der rasche Aufstieg von KI-Chatbots schnelle Hilfe bei denkintensiven Aufgaben, doch die Autor*innen fragen eindringlich, was bei einem Ausfall bzw. der Unverfügbarkeit der Technologie mit den eigenen Fähigkeiten der Nutzenden geschieht. Die Forschenden warnen vor einem hohen kognitiven Preis und halten als zentrale Erkenntnis fest: „Bereits nach rund zehn Minuten KI-gestützter Problemlösung schnitten Personen, denen der Zugang zur KI anschließend entzogen wurde, schlechter ab und gaben häufiger auf als jene, die die KI nie genutzt hatten.“
Diese Ergebnisse werfen laut der Studie gravierende Fragen hinsichtlich der langfristigen menschlichen Ausdauer und des Denkvermögens auf. Das Fazit des Teams ist daher eine deutliche Mahnung für die Zukunft: „Sollten sich derartige Effekte bei dauerhafter KI-Nutzung summieren, drohen aktuelle KI-Systeme – die lediglich auf kurzfristige Hilfestellung optimiert sind – genau jene menschlichen Fähigkeiten zu untergraben, die sie eigentlich unterstützen sollen.“
Quellen:
Cornell University: „AI Assistance Reduces Persistence and Hurts Independent Performance“, Grace Liu et al., 06.04.2026; online: arXiv:2604.04721, arxiv.org/abs/2604.04721
Grace Liu et al.: „AI Assistance Reduces Persistence and Hurts Independent Performance“ (Zusammenfassung); online: https://ai-project-website.github.io/AI-assistance-reduces-persistence/
Merkur: „Gen Z offiziell „dümmer“ als Generation zuvor – Neurowissenschaftler fällt vernichtendes Urteil“, Moritz Bletzinger, 12.02.2026; online: www.merkur.de/welt/gen-offiziell-duemmer-als-generation-zuvor-neurowissenschaftler-faellt-vernichtendes-urteil-94166303.html
20.06.2026