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Wegbereiterin aus Überzeugung

Ausbildungsbetreuerin Tatjana Tichay im Interview

©Tatjana Tichay Tatjana Tichay bei der Einrichtung des Messestandes.
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Interviews

Das wollten wir dann doch nochmal genauer wissen! Von unserem Schreibwettbewerb „Warum ich meine Ausbildung liebe?“ und dem dazugehörigen Buch inspiriert, hatte uns Tatjana Tichay einen Text gesendet. Es sind berührende Zeilen, in denen sie Einblicke in ihre Arbeit als Ausbildungsbetreuerin gibt und dankbar auf ihren eigenen Werdegang zurückblickt. Wie sie mit Herausforderungen, die zum Alltag vieler Ausbildungsunternehmen gehören, umgeht und warum sie Azubis so gerne auf ihrem Weg begleitet, erzählt sie im Interview.

 

(rb) Seit fünf Jahren arbeitet Tatjana Tichay in der Personalabteilung der Firma Feistl Lüftungs- und Klimatechnik in Essenbach und begleitet dort auch die Auszubildenden.


IfT: Man könnte auch sagen, Sie sind mit ihrem eigenen Text einfach mit gutem Beispiel vorangegangen…Aber ganz im Ernst: Es gibt ja immer wieder mal verschiedene Angebote wie z. B. Wettbewerbe, die sich an Auszubildende richten. Was hat Sie dazu bewegt, in Ihrem Azubi-Team für unseren Schreibwettbewerb „Warum ich meine Ausbildung liebe?“ fürs Mitmachen zu werben?


Tatjana Tichay: (lacht) Ehrlich gesagt hat es mich schon ein bisschen überrascht, wie schwierig es war, unsere Azubis für den Schreibwettbewerb zu begeistern. Im vergangenen Jahr habe ich immer wieder gehört: „Das schreibe ich einfach mit KI.“ Und genau da merke ich, wie wichtig mir der persönliche Zugang ist. Für mich lebt ein Text von echten Erfahrungen – von dem, was man selbst erlebt und vielleicht auch durchdacht hat. Diese kleinen, ehrlichen Momente machen einen Text erst besonders. Emotionen gehören für mich dabei unbedingt dazu. Sie geben einem Text Tiefe und Persönlichkeit. Und genau das kann eine KI aus meiner Sicht nicht wirklich ersetzen – zumindest nicht so, dass es sich echt anfühlt.


IfT: Gibt es in dem Buch zu unserem Schreibwettbewerb „Warum ich meine Ausbildung liebe?“ einen Text, der Ihnen beim Lesen besonders gut gefallen hat?  


Tatjana Tichay: Das Ausbildungspreisbuch 2024 hat mich schon sehr inspiriert. Besonders aufgefallen ist mir dabei, dass einige Beiträge direkt an das jüngere Ich der Schreiber*innen gerichtet sind. Auch ich habe natürlich so ein „jüngeres Ich“ – in meinem Fall als Azubi. Und in meiner eigenen Ausbildung ist bei weitem nicht alles glatt gelaufen. Genau diese Erfahrungen prägen mich bis heute. Umso mehr ist es mir heute ein großes Anliegen, als Ausbildungsbetreuerin die Azubis bestmöglich zu begleiten und sie auf ihrem Weg zu stärken – genau so, wie meine damalige Marketingleiterin mich unterstützt hat.


IfT: Was sind die größten Herausforderungen, denen Sie in der Begleitung Ihrer Azubis immer wieder begegnen?  


Tatjana Tichay: Die größte Herausforderung als Ausbildungsbegleiterin sehe ich darin, die Vorgaben der Ausbildungsrichtlinien mit den persönlichen Werten und Lebensrealitäten der Azubis in Einklang zu bringen. Es ist heute nicht mehr üblich – und ehrlich gesagt auch kaum noch möglich – Ausbildungsinhalte einfach stur zu vermitteln. Viel wichtiger ist es, die jungen Menschen als Ganzes zu sehen und ihr persönliches Umfeld mit einzubeziehen, um sie bestmöglich unterstützen zu können. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: Einfach mal wirklich zuhören, individuell unterstützen oder auch gezielt Nachhilfe anbieten. Entscheidend ist für mich, flexibel zu bleiben und auf die einzelnen Bedürfnisse einzugehen.
So viele unterschiedliche Charaktere zu händeln ist nicht immer einfach, aber umso wichtiger!


IfT: Können Sie ein Beispiel geben, wie Sie eine bestimmte Herausforderung dann meistern, ein Problem lösen?


Tatjana Tichay: Die Ausbildung wird bei uns von vier engagierten Ausbildungsleitern begleitet und zusätzlich durch zwei Lernbegleiter unterstützt. Besonders wichtig ist uns dabei die enge Zusammenarbeit mit den Schulen, sodass wir im besten Fall genau wissen, wo wir bei jedem einzelnen Azubi gerade ansetzen können. Das ist für mich keine Aufgabe, die man „nebenbei“ erledigt. Schulbesuche und regelmäßige Telefonate gehören ganz selbstverständlich dazu – und sie sind mir auch persönlich sehr wichtig. Nur so bleibt man wirklich nah dran. Denn entscheidend ist, früh hinzuschauen und nicht erst zu reagieren, wenn es bereits schwierig wird. Wenn sich bei einem Azubi etwas verändert – sei es in den Noten oder auch im persönlichen Umfeld – möchte ich das rechtzeitig wahrnehmen können, um gemeinsam zu unterstützen und da zu sein, bevor jemand den Anschluss verliert.


IfT: In welchen Situationen haben Sie auch Kontakt mit den Eltern der Azubis? Wann begegnen sie sich?


Tatjana Tichay: Der Kontakt zu den Eltern ist über die Jahre immer wichtiger geworden. Wir informieren sie nicht nur, wenn es einmal Probleme gibt, sondern halten sie auch regelmäßig über sogenannte „Elternbriefe“ über Neuigkeiten rund um die Ausbildung auf dem Laufenden. Es kommt auch vor, dass Eltern mit ihren Teenagern an ihre Grenzen stoßen und dann direkt auf mich zukommen – sei es auf Messen oder im Büro. Diese Gespräche sind mir sehr wichtig, genauso wie der Blick auf das Elternhaus selbst. Denn für mich gilt: Nur wenn das Gesamtumfeld stimmt und alle an einem Strang ziehen, kann eine positive und erfolgreiche Ausbildungszeit gelingen.


IfT: Was war ihre bislang schönste Erfahrung in der Betreuung der Auszubildenden?


Tatjana Tichay: Meine bislang schönste Erfahrung wiederholt sich glücklicherweise jedes Jahr. 😊 Es ist immer wieder etwas Besonderes, sich mit den Azubis über jeden noch so kleinen Erfolg zu freuen und gemeinsam die nächsten Schritte zu gehen – bis hin zu ihrem ersten großen beruflichen Meilenstein. Die persönliche und fachliche Entwicklung jedes Einzelnen vom Ausbildungsstart bis zum Gesellenbrief begleiten zu dürfen, ist für mich jedes Jahr aufs Neue etwas sehr Wertvolles. Genau das motiviert mich auch, mit jedem neuen Ausbildungsjahr wieder von vorne anzufangen und erneut voller Energie dabei zu sein.


IfT: Woher kommt Ihre Motivation, junge Menschen in der Ausbildung so zur Seite zu stehen, wie Sie es tun?


Tatjana Tichay: Diese Frage kann ich mit einem Wort beantworten: Überzeugung!

Ich bin überzeugt davon, dass die Ausbildungszeit nicht „nur“ eine Ausbildung ist, sondern vielmehr der erste große Schritt auf dem Weg ins eigene Leben – wie ein Startpunkt, von dem aus sich der weitere berufliche und persönliche Weg in die Eigenständigkeit formt.

Mein Engagement in der Betreuung von jungen Menschen in Bezug auf die Arbeitswelt, geht über den Betrieb hinaus.Mein Mann engagiert sich als Trainer der A-Jugend bei einem Fußballverein. Einer seiner Spieler, ein Flüchtling aus Guinea, war dringend auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Da der junge Mann die Anforderungen für eine Ausbildung in unserem Unternehmen nicht vollständig erfüllte, ich aber einschätzen konnte, in welchem Berufsbild er gut aufgehoben wäre, habe ich auf bestehende Kontakte aus Messeveranstaltungen (vocatium) zurückgegriffen. Auf diesem Wege ist es mir gelungen, ihm erfolgreich eine passende Ausbildungsstelle zu vermitteln.



IfT: Was geben Sie Ihren Azubis gerne als Rat mit auf den Weg?



Tatjana Tichay: „Fehler gehören dazu – aber lerne daraus und sorge dafür, dass du vor allem positiv in Erinnerung bleibst.“


IfT: Herzlichen Dank für das Interview! Weiterhin alles Gute und viel Erfolg für Sie und Ihre Auszubildenden!
 

 

20.04.2026