Wie können Beschäftigte die Kontrolle behalten, wenn künstliche Intelligenz immer stärker Entscheidungen im Arbeitsalltag beeinflusst? Eine neue Nachwuchsforschungsgruppe an der Philipps-Universität Marburg untersucht, wie Menschen und KI künftig verantwortungsvoll zusammenarbeiten können.
(ps) An der Philipps-Universität Marburg startet eine neue Nachwuchsforschungsgruppe, die sich mit einem der zentralen Probleme der digitalen Transformation beschäftigt: Wie können Beschäftigte in einer Arbeitswelt, die zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägt ist, weiterhin Kontrolle über Entscheidungen behalten?
Geleitet wird das Projekt vom Informatiker Daniel Braun, der sein Forschungsvorhaben so beschreibt: „Wir wollen erforschen, wie Menschen bei der beruflichen Zusammenarbeit mit KI auch in Zukunft die Kontrolle behalten können.“ Denn Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr: In vielen Branchen unterstützt sie bereits heute Entscheidungsprozesse – etwa bei Kreditprüfungen in Banken, bei der Personalrekrutierung oder bei der medizinischen Diagnose.
Zusammenarbeit mit KI
Genau hier setzt die Marburger Forschungsgruppe an. Sie untersucht, wie Beschäftigte mit KI-Systemen zusammenarbeiten können, ohne die Kontrolle über deren Ergebnisse zu verlieren. In der Praxis zeige sich nämlich häufig ein Problem: Mitarbeitende sehen zwar das Resultat eines KI-Modells, aber nicht unbedingt dessen vollständige Entscheidungslogik. Gerade bei hohem Zeitdruck oder großen Fallzahlen werde es dadurch schwierig, fehlerhafte oder problematische Entscheidungen zu erkennen.
Braun und sein Team wollen deshalb technische und organisatorische Ansätze entwickeln, die den Einfluss von Beschäftigten auf KI-Systeme stärken. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass zukünftige Nutzer*innen bereits während der Entwicklung der Systeme stärker eingebunden werden und „Einfluss auf Design, Entwicklung und Einsatz betrieblicher KI-Systeme“ haben sollen. Auf diese Weise könnten Anwendungen entstehen, die besser an reale Arbeitsabläufe angepasst sind. „Wir glauben, dass zukünftige Nutzerinnen und Nutzer schon während der Entwicklung eines KI-Systems mitbestimmen sollten“, so Braun in einer Mitteilung der Universität.
Mehr als nur Angst vor Jobverlust
Die öffentliche Debatte über KI in der Arbeitswelt konzentriere sich häufig auf mögliche Arbeitsplatzverluste durch Automatisierung, so Braun. Mindestens ebenso wichtig sei aber auch die Frage, wie sich Arbeitsbedingungen verändern, wenn Algorithmen Entscheidungen vorbereiten oder beeinflussen.
So kann KI einerseits Routineaufgaben erleichtern und Beschäftigte entlasten. Andererseits entstehen neue Herausforderungen: Mitarbeitende müssen die Ergebnisse der Systeme überprüfen, ihre Grenzen verstehen und im Zweifelsfall Verantwortung übernehmen. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang oft von „algorithmic management“, also einer Arbeitsorganisation, in der digitale Systeme Aufgaben verteilen, Leistungen bewerten oder Entscheidungen vorbereiten.
Interdisziplinäre Forschung für die digitale Transformation
Die neue Nachwuchsforschungsgruppe soll zudem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fördern. Das Budget ermöglicht unter anderem mehrere Promotionsstipendien. Gleichzeitig stärkt das Projekt die interdisziplinäre KI-Forschung an der Universität.
Für die Hochschulleitung ist das Thema auch strategisch wichtig – KI werde Wirtschaft und Gesellschaft in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern, betont Universitätspräsident Thomas Nauss. Deshalb müsse ihre Wirkung auf die Arbeitswelt frühzeitig wissenschaftlich begleitet werden.
Weitere Informationen
Informationen zur Arbeitsgruppe finden sich unter www.responsible-nlp.net
Informationen zur Philipps-Universität Marburg gibt es hier bei uns!
Quelle:
Philipps-Universität Marburg: PM vom 05.03.2026: „Neue Nachwuchsforschungsgruppe zur KI in der Arbeitswelt an Uni Marburg“, Martin Schäfer; online: idw-online.de/de/news867088
05.03.2026