Vom Pflichtprogramm der Zünfte zum freiwilligen Aufbruch ins Abenteuer: Die Walz hat ihr Gesicht über die Jahrhunderte stark verändert. Geblieben ist jedoch ihr Kern – das Lernen in der Ferne und die Suche nach fachlichem Können, persönlicher Reife und neuen Perspektiven.
(ps) Drei Jahre und einen Tag unterwegs, mit Hut, Kluft, Stenz und dem festen Willen, die Welt und das eigene Handwerk besser kennenzulernen: Die Walz, auch Wanderjahre genannt, ist eine jahrhundertealte Tradition der Handwerksberufe. Nach der Ausbildung gehen Gesellinnen und Gesellen auf Wanderschaft, arbeiten in fremden Betrieben, sammeln Erfahrungen und wachsen persönlich wie fachlich. Und die Walz heißt für die Gesell*innen buchstäblich „Lernen in der Ferne“: traditionell ist der Heimatort und ein 50-km-Bannkreis drumherum in diesen drei Jahren tabu – egal, wie schön es im „Hotel Mama“ auch wäre. Früher war die Walz sogar eine Voraussetzung, um Meister werden zu dürfen, und damit fester Bestandteil der Karriereleiter.
Wir haben mit Markus Römer von der HWK Oldenburg über die Walz gesprochen – er hat 2024 über das Thema seine Doktorarbeit verfasst und dabei nicht nur Bücher gewälzt, sondern mit vielen Wandergesell*innen persönlich über ihre Erfahrungen geredet. Im Interview erklärt er uns, wie es mit der Walz überhaupt angefangen hat, wie die Walz heute aussieht, welchen Stellenwert sie im Handwerk hat und wie man sich informieren kann, wenn man selber auch auf die Walz gehen möchte.
„Man kann auf der Walz die ultimative Freiheit nutzen“
IfT: Herr Römer, Sie haben Ihre Doktorarbeit zu der Frage „Wandergesellen auf der Walz – Vergangenheitsrelikt oder Hochschule des Handwerks?“ geschrieben. Bevor wir uns die Antwort auf diese Frage anhören, möchte ich Sie gerne bitten, uns erstmal ein bisschen über die Walz selbst zu erzählen. Also dann zum Einstieg: wie lange wird das schon gemacht , und weshalb hat man damit überhaupt angefangen?
Markus Römer: Beide Fragen sind gar nicht so einfach zu beantworten. Zwar zogen schon in der Antike Bauhandwerker von Baustelle zu Baustelle und auch im deutschsprachigen Raum begaben sich Baumeister und Steinmetze sehr früh auf Wanderschaft. Allerdings kann hier noch nicht von Walz gesprochen werden, denn unter „Walz“ versteht man ja, dass reisende Handwerksgesellen ihr Handwerk ausüben. Der gesellschaftliche Stand des Handwerksgesellen entstand aber erst im Spätmittelalter. Hier spielte auch eine gewisse Standardisierung in der Handwerksausbildung eine Rolle, die sich ja bis heute erhalten hat: Erst wird man Lehrling, dann Geselle und dann evtl. Meister. Dieser bis heute übliche handwerkliche Ausbildungsverlauf verfestigte sich erst ungefähr seit dem Ende des 14. Jh. Seit dieser Zeit setzte sich dann auch der Wanderbrauch im deutschsprachigen Raum immer mehr durch.
Die Wanderschaft war für die Gesellen zunächst freiwillig, erst ab dem Ende des 16 Jh. wurde sie für die meisten Handwerker zur Pflicht. Bei dieser historischen Etablierung der Walz spielten mehrere Aspekte eine Rolle: Zum einen wurde durch die Pest, die ab 1348 in mehreren Wellen ca. ein Drittel der europäischen Bevölkerung auslöschte, die Nachfrage nach Handwerkern groß. Für die Gesellen war der Anreiz, über die Wanderschaft optimale Löhne und Arbeitsbedingungen zu erlangen, hoch. Man würde heute vielleicht von der Walz als einem Phänomen der Arbeitsmigration sprechen.
„Wenn keine Arbeit verfügbar war, mussten die Gesellen weiterreisen“
Zum anderen lässt sich um das Ende des 16. Jh., als sich die Bevölkerungszahl längst erholt hatte, eine deutliche Wende in der Geschichte der Walz feststellen. Ab dieser Zeit führten die Meisterzünfte verpflichtende Wanderjahre für die Gesellen ein, um sich vor ihren potenziellen Konkurrenten zu schützen. Die Wanderpflicht war für die Zünfte in den folgenden Jahrhunderten ein wichtiges Instrument, um auf regionale Konjunkturunterschiede flexibel zu reagieren. Durch die Mobilität der Gesellen war eine stetige Zuwanderung von benötigten Arbeitskräften gewährleistet, gleichzeitig konnte man sich arbeitslosen Gesellen, die eine Gefahr für die öffentliche Ordnung der Stadt darstellten, leicht entledigen. Denn wenn keine Arbeit verfügbar war, mussten die Gesellen weiterreisen. Während Lehrlinge per Vertrag für längere Zeit an den Meisterhaushalt gebunden waren, konnten Gesellen je nach Bedarf kurzfristig eingestellt und entlassen werden. Die „Erfindung des Gesellen“ und die Etablierung des Wanderbrauches brachten für die Meister also klar erkennbare Vorteile mit sich. So betrachtet hatte die Walz lange Zeit den Charakter eines von den Zünften gezielt eingesetzten Machtinstrumentes.
Daneben spielten natürlich oft noch ganz andere Motivlagen eine Rolle. Hier ist z. B. die auch damals wohl schon bei jungen Leuten vorhandene Reise- und Abenteuerlust zu nennen. Die Walz bot den Gesellen die einmalige Gelegenheit, aus der Enge der allumfassenden sozialen Kontrolle der Meister und des Stadtkollektivs auszubrechen. Und auch die Möglichkeit, sich auf der Walz handwerklich weiterzubilden, spielte eine gewisse Rolle. Diese war von Gewerk zu Gewerk aber unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Beschreibung der Walz als einer „Hochschule des Handwerks“ bzw. die Betonung des Bildungswertes des Wanderns ist insbesondere für das 18. Jh. typisch.
„Da ist überhaupt nichts traditionell an der heutigen Walz!“
sagte ein Geselle auf Wanderschaft
IfT: Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat die Walz dann durch das Ende der Zünfte und durch die Industrialisierung stark an Bedeutung verloren. Trotzdem gibt es die Walz immer noch. Ist das eine ungebrochene Tradition, oder ist die Walz von damals eine ganz andere als heute?
Römer: Einer der Gesellen, mit dem ich zu Beginn meiner Forschung gesprochen habe, sagte mir auf diese Frage im Brustton der Überzeugung: „Da ist überhaupt nichts traditionell an der heutigen Walz!“ Das hat mich damals sehr überrascht. Denn für mich, wie vielleicht für die meisten von uns heute, stellten die in Kluft gekleideten Gesellen fast so was wie den Inbegriff von Tradition dar. Wenn Sie bei Wikipedia den Begriff „Tradition“ eingeben, kommt da ein Bild von zwei Wandergesellen in Kluft, ich bin da letztens zufällig noch mal drüber gestolpert. Es ist also erst einmal irritierend, wenn jemand sagt: „Die Walz ist nicht traditionell.“
Im Laufe meiner Forschung verstand ich aber immer besser, was der Wandergeselle damals meinte, und musste einsehen, dass er wohl teilweise recht hatte. Denn angefangen von der Kleidung, die sich in der heutigen Form erst Anfang des 20. Jh. etablierte, über viele der heute als „traditionell“ geltenden Bräuche und Verhaltensweisen, wie z. B. das Schlagen eines Ohrlochs mittels Hammer und Nagel, sind das meist Sachen, die nachweisbar neueren Datums, also nicht älter als 100 Jahre, und zum Teil auch deutlich jüngeren Datums sind.
Aber was sich erhalten hat und was ja auch der Kern der Walz ist, ist, dass Handwerker für längere Zeit ihre Heimat verlassen, um als reisende Handwerker ihrem Beruf nachzugehen. Dieser Brauch hat sich erhalten, diese Tradition ist in Deutschland nach wie vor lebendig. Man kann hier also, wenn Sie so wollen, von einer ungebrochenen Tradition sprechen. Aber die genaue Ausformung, d. h., wie lange man unterwegs ist, wie man während der Reise gekleidet ist usw., ist dagegen einem starken historischen Wandel unterworfen.
Und natürlich sind allein die Reisebedingungen heute völlig andere als noch vor hundert oder gar vor 500 Jahren. Vor 500 Jahren existierte z. B. kaum Infrastruktur für Reisende, Reisen war ein gefährliches, kostspieliges Unterfangen. Unterkünfte für Reisende oder reguläre Transportmöglichkeiten existierten deswegen auch kaum. In dieser Zeit legten die Gesellen ihre Wege meist zu Fuß zurück, wanderten also wirklich. Wenn man das mit der heute bei Wandergesellen am häufigsten verwendeten Mobilitätsform, dem Trampen, vergleicht, wird klar, dass die Walz von damals nur sehr bedingt mit der Walz von heute zu vergleichen ist.
„Die Walz kann Abenteuer pur sein“
IfT: Sie haben sich ja nun intensiv mit dem Thema befasst und natürlich auch mit Wandergesell*innen gesprochen – was erzählen die? Wie kann ich mir ein Leben auf Wanderschaft vorstellen?
Römer: Bei der Walz heute spielt die Abenteuerlust, die Lust, sich auszuprobieren und was zu erleben, natürlich eine große Rolle. Und von abenteuerlichen Begebenheiten und Geschehnissen konnten mir auch alle Wandergesellinnen und Wandergesellen berichten. Das ist ja auch ganz klar: Wenn Sie sich die Regeln der heutigen Walz anschauen, ohne Geld in der Tasche los, man darf für Mobilität und Unterkunft nicht bezahlen, man darf kein Handy dabeihaben usw., dann fordert diese ja das Abenteuer heraus. Da steigt man beim Trampen zu irgendeinem Unbekannten ins Auto und ist plötzlich mit völlig fremden oder gar auch bedrohlichen oder abstoßenden Lebenswelten konfrontiert. Und dann wird man vielleicht sogar von diesem Fremden zum Essen oder gar zum Übernachten eingeladen. Und wenn Sie das ganze Szenario dann noch in einen exotischeren Kontext, also fremde Sprache, fremde Kultur, versetzen, wird klar: Die Walz kann Abenteuer pur sein. Die Ereignisse auf der Walz überschlagen sich oft, entwickeln sich rasant und mit einer Dynamik, dass es den Reisenden später selbst oft schwerfällt, die genaue Abfolge, also: „Wann hat man wo wen getroffen, was ist danach passiert und wie ist man überhaupt genau dahin gekommen, wo man gerade ist?“, zu bestimmen. Für dieses Gefühl der Überreizung und eines gewissen Kontroll- und Überblicksverlustes gibt es bei den Wandergesellen sogar einen eigenen humoristischen Begriff: Walzheimer.
Neben diesen abenteuerlichen Aspekten bietet die Walz aber eben auch zahllose Möglichkeiten, sich spannenden Projekten und Tätigkeiten zu widmen, die den alltäglichen Arbeitshorizont übersteigen. Wird der Schritt ins Ausland gewagt, vervielfältigen sich diese Möglichkeiten. Sei es die Fleischerin, die sich für das in Deutschland noch seltene Weideschussverfahren interessiert, der Bootsbauer, der sich in einer dänischen Werft im Kalfatern, also im Abdichten von Schiffsplanken mit Hanf und Pech, übt, oder der Zimmerer, der in Japan beim traditionellen Holztempelbau mitwirkt und in Handarbeit Holzverbindungen fertigt – man kann auf der Walz die ultimative Freiheit nutzen, um sich in ungewöhnlichen Tätigkeiten auszuprobieren, mit denen man in seinem normalen Berufsalltag wahrscheinlich niemals in Kontakt gekommen wäre.
Sehr oft wird auf der Walz nicht primär wegen des monetären Lohns, sondern deswegen gearbeitet, weil man einen Sinn in der gerade ausgeführten Arbeit sieht, weil man bei der Arbeit etwas lernen zu können glaubt. Das ist ja auch einleuchtend: Der Lebensstil der Wandergesellen ist unschlagbar kostengünstig, d. h., es herrscht kein Druck, Geld ranzuschaffen, oder zumindest ist dieser Druck im Vergleich zum normalen bürgerlichen Leben, wie wir es kennen, minimal. Diese finanzielle Ungebundenheit und Freiheit nutzen die meisten, um sich handwerklich zu verbessern und fortzubilden.
„Handwerklich lernen kann man auf der Walz sehr viel“
IfT: Welchen Stellenwert hat die Walz heute im Handwerk? Und ist die Walz nun eigentlich veraltet oder ist sie noch eine Hochschule des Handwerks?
Römer: Nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der Gesellinnen und Gesellen im Handwerk geht auf die Walz. Rein statistisch gesehen hat sie also nur einen geringen Stellenwert im Handwerk. Der symbolisch-kulturelle Stellenwert ist dagegen heute sehr hoch. Dies sieht man schon daran, dass trotz der geringen Anzahl der Reisenden eine intensive Medienberichterstattung stattfindet und Wandergesellen auch oft sozusagen als Markenbotschafter des Handwerks auftreten, wie z. B. in der Imagekampagne des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.
Ob die Walz heute noch als Hochschule des Handwerks bezeichnet werden kann? Wie eben schon gesagt: Handwerklich lernen kann man auf der Walz sehr viel. Ob man etwas lernt, hängt aber eben sehr von der persönlichen Motivation und auch Disziplin ab. Man kann sich auf so einer Reise nämlich auch sehr leicht verlieren, ultimative Freiheit ist eben gar nicht so einfach im Alltag zu bewältigen und in sinnvolle Bahnen zu lenken. Denn in Schule, Berufsschule, Meisterschule und auch in der Uni hat man heute ja ständig Menschen um sich, die einem sagen, was man zu tun, was man als Nächstes zu lernen hat. Das ist bei der Walz nicht der Fall. Insofern, nämlich im Sinne des viel zitierten humboldtschen Bildungsideals, könnte man tatsächlich von der Walz als Hochschule des Handwerks sprechen. Denn Humboldt ging ja davon aus, dass sich erst durch die ultimative Freiheit der Studenten eine echte Lernmotivation, ein inneres Bedürfnis zum Lernen, zum Forschen, zum Erkennen entwickeln kann. Diese ultimative Freiheit existiert auf der Walz – im Bildungssystem ist sie dagegen in den letzten Jahren immer mehr verloren gegangen, Stichwort Bologna-Reform.
IfT: Wenn ich jetzt angehender Handwerker bin oder mich für die Ausbildung interessiere und vielleicht auch gerne auf Wanderschaft gehen möchte – was sollte mir da vorher klar sein und wie kann ich das überhaupt angehen?
Römer: Wenn man Interesse daran hat, auf die Walz zu gehen, kann man z. B. mit einer der existierenden Gesellenorganisationen, den sogenannten Schächten, Kontakt aufnehmen. Kontaktdaten sind hier oft im Internet zu finden. Oder man spricht einfach mal eine Wandergesellin oder einen Wandergesellen auf der Straße an. Denn nicht alle Gesellenorganisationen machen ihre Kontaktdaten öffentlich und außerdem muss man auch nicht unbedingt innerhalb einer Gesellenorganisation reisen, es gibt auch die sogenannten freireisenden Wandergesellen. Ich denke mal, der persönliche Kontakt über jemanden, der schon gewandert ist oder gerade wandert, wäre am einfachsten, dann bekommt man gleich viele Infos aus erster Hand.
IfT: Vielen Dank für das Interview!
Zur Person: Markus Römer, Diplom-Soziologie und Doktor der Philosophie (Dr. phil.), ist langjährig beschäftigt bei der HWK Oldenburg in den Bereichen Berufsbildung und Arbeitssicherheit.
11.02.2026